Wie ist eigentlich Kambodscha?

Ein vorgefertigtes Bild. So unscharf, dass man kaum etwas sieht. Trotzdem bildete ich mir ein, alles darauf zu erkennen. Ein Bild, an dem ich schon seit vielen Jahren unbewusst feilte. Ein Bild, das erst durch allerlei Medien und Geschichten geprägt und in letzter Zeit von meinen Recherchen noch einmal stark verfeinert wurde – wie ich glaubte. Mein ganz persönliches (und doch typisches) Bild von Kambodscha bzw. dem südöstlichen Asien. Dieses Bild hatte ich weder jemals in der Hand, noch habe ich bewusst Zugriff darauf gehabt.
Und jetzt bin ich in Kambodscha. Ich bin überwältigt. Mit großen Augen und offenem Mund steige ich ins Auto, während mein Kopf zu verarbeiten versucht. Alles aufnehmen, alles erfassen, alles sehen – alles wahrnehmen.
Das Bild. Hier wird es mir wirklich bewusst. Erst als es sich schlagartig ändert. Erst, als ich merke, wie unscharf es war und wie sehr ich mich daran gewöhnt hatte. Plötzlich ist alles gegenwärtig, nah, groß, laut und lebendig. Ich bin mitten drin. Ich habe das Gefühl, dass alles schärfer wird, sich auf dem Bild plötzlich auch etwas Eindeutiges abbildet und merke, wie wenig ich davor sehen konnte. Das unscharfe Bild weicht einem scharfen, klaren und authentischen Eindruck – wie ich glaubte.


Genug der “Rhetorik“. Das ist mein erster Blogeintrag aus Kambodscha und direkt kommt etwas Unerwartetes. Keine hübschen Bilder der Stadt, vom Essen und der Wohnung. Nein, diesen ersten richtigen Blogeintrag will ich nutzen, um ein paar Dinge klar zu stellen. Denn ich habe mir einige Gedanken zu der Verbreitung meiner Eindrücke auf dieser Seite gemacht und mir vor allem folgende Fragen gestellt: Was bedeutet es eigentlich, als wohlhabender, in Deutschland sozialisierter, weißer Abiturient einen (entwicklungs-)politischen Freiwilligendienst in Kambodscha zu absolvieren und meine Eindrücke in einen Blog zu schreiben? Wie kann ich dieses Land neutral und ohne (unbewusste) Diskriminierung oder Abwertung präsentieren? Wie genau kann ich damit das angesprochene Bild meiner Leser*innen beeinflussen? Was für (vorgefestigte) Vorstellungen haben meine Leser*innen (?) überhaupt von diesem Teil der Erde?
Keine einfachen Fragen, dessen Antworten sich in der nächsten Zeit vielleicht weiter offenbaren werden…


Dazu möchte ich ein paar Dinge festhalten:
Ich bin geprägt. Ich werde diese Kultur und das Land niemals vollständig verstehen können. Ich werde niemals „Experte“ sein, wenn es um Kambodscha geht. Ich bin nichts weiter, als ein westlicher Reisender, der alles durch seine westlichen Augen sieht, unbewusst wertet und einordnet. Somit kann ich auch nur das weitergeben, was ich selbst wahrnehme. Es muss klar sein, dass das nicht immer der Realität entsprechen kann! Davon ausgehend geben meine Blogeinträge nur den Ausschnitt eines Ausschnitts wieder und sollten niemals als Abbild der Wirklichkeit wahrgenommen werden. Ich werde versuchen mich von Romantisierung und Exotisierung fernzuhalten und den Blog so authentisch und neutral wie möglich zu gestalten. Das wird mir sicher nicht immer gelingen und über kritische Rückmeldung wäre ich sehr erfreut!


Das alles ist jetzt sehr trocken und vielleicht auch nicht das, was man sich als ersten Eintrag von mir wünscht. Und keine Angst, ich werde natürlich auch meine Ankunft und meine ersten Eindrücke hier darlegen. Auch hübsche Bilder werden folgen, aber alles mit seiner Zeit. Mir ist die richtige Art und Weise der Berichterstattung an der Stelle wichtiger, als die Aktualität. Somit habe ich auch ein wenig Zeit darüber nachzudenken, wie ich einige Eindrücke darstellen will, bevor ich sie überstürzt abtippe.


So nämlich auch die Sache mit dem „Bild“. Ich weiß nicht einmal, warum ich so sehr geflasht war in den ersten Stunden vor Ort. Vielleicht ja genau weil ich zuvor dieses unscharfe Bild mit meiner Vorbereitung formte.
Meine ersten Gedanken in Kambodscha widmeten sich jedenfalls der Vorstellung, dass mein Bild plötzlich total scharf wurde und ich davor ja keine Ahnung hatte, wie es hier wirklich ist, dass meine Vorstellungen zwar grob zutreffen, sie aber doch so sehr unzureichend waren. Ich bildete mir fast ein, ein glasklares Bild erschaffen zu haben – eine arrogante Vorstellung. Nun weiß ich, dass mein Bild vielleicht schärfer wurde, aber die höchste Auflösung niemals erreichen wird (Dazu kommt, dass ich bisher auch nur das überwältigende Phnom Penh zu Gesicht bekam). Genauso muss jedem, der diesen Blog liest (oder auf anderen Wegen Zugang zu fernen Kulturen und Ländern hat) klar sein, dass er nun einmal nur ein „Bild“ besitzt, egal wie scharf es sein mag.


Somit hoffe ich mit meinem Blog einige dieser Bilder in Deutschland etwas zu schärfen. Dabei bemühe ich mich ohne Tricks, verzerrte Darstellung, Fokussierung aufs Extreme und Bewertungen auszukommen, die auch unbewusst benutzt werden, um alles interessanter und aufregender zu gestalten. Vielleicht lässt das ja auch einigen von euch an eurem vorgefertigtem Bild rütteln…?

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