Zwischen Abschied und Ankunft

17. August

Schon ein komisches Gefühl. Ich sitze alleine zuhause und komme nach dreimaligem checken der Packliste nochmal zur Ruhe. Ich bin weder besonders aufgeregt, noch ängstlich. Vielleicht ein bisschen sentimental, aber auf jeden Fall zuversichtlich.
Und dann beginnt die Abreise auch schon: Tschau Brandenburg, tschau Zuhause! Mit meiner Mutter und dem Zug über Berlin und Frankfurt zu meinen Großeltern. Da sie in der Nähe von Frankfurt wohnen, besuchen wir sie einen Tag vor dem Abflug nochmal. Mein Vater und Schwesterchen sind schon vor Ort – Kartoffelsalat und morgens Marmeladenbrötchen für ein Jahr im Voraus essen.


18. August

Jetzt geht es richtig los: Um 14:25 Uhr geht der Flieger – Verabschiedung von Großeltern, zum Flughafen, Kambodscha Crew treffen, einchecken, Abschied Kernfamilie, durch die Kontrolle, zum Gate und dann sitzen wir schon im Flugzeug. Noch einmal versuchen –Nein, ich begreife das immer noch nicht.

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Das letzte Mal deutschen Boden unter den Rädern…

Vier Filme und eines der beeindruckensten Naturschauspiele, die ich je gesehen habe, später (Über Indien sind wir an einem riesigen Unwetter vorbei geflogen – es wird nicht das einzige Mal an diesem Tag sein, dass ich fasziniert meine Augen nicht von der Schiebe lassen kann), landen wir in Ho-Chi-Minh-Stadt. Mit angekündigten 4 Stunden Verspätung geht es mit dem Propellerflugzeug dann Richtung Phnom Penh.

Aus dem kleinen Fenster bekomme ich also meinen ersten live-Eindruck von Kambodscha: riesige grüne Reisfelder, ein großer brauner Mekong und dann eine Großstadt von oben. Bei der Landung merke ich, wie das neuartig wirkende Flughafengebäude den Kontrast zu den darumstehenden, zierlichen Häusern mit Wellblechdächern hervorhebt. Aber viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht: Aussteigen, Passkontrolle, Gepäckausgabe – alles geklappt. Es ist 1:30 Uhr.


So. Da bin ich.
Also, da sind wir. Vor dem Flughafen nach unserer Mentorin Lim suchend, die uns hier abholen sollte.
Vielleicht wegen der Müdigkeit, vielleicht aber auch wegen meiner grundlegend anderen Vorbereitung auf diese Reise im Vergleich zu früheren Urlauben – aber während wir noch herumirren, überrennen mich mit die Eindrücke regelrecht:

Der neue Geruch in der Nase, die schwüle, drückende Luft in der Lunge, die Hitze sowie die dünne Schweißschicht auf meiner Haut, die fremde Sprache in den Ohren und den Parkplatz vor Augen – mein Bild wird langsam schärfer.
Wir finden Lim und nach herzlicher Begrüßung lotst sie uns zum Minivan, bei dem uns ein freundlicher Fahrer beim Einladen hilft. Wir setzten uns und beginnen unsere erste Fahrt durch Phnom Penh.


Mit einem Mal ist meine Müdigkeit wie weggeblasen, ersetzt durch eine kindliche Neugier die alles sehen will.

Ich könnte so den ganzen Tag durch diese Stadt fahren und mir einfach alles angucken!

Sage ich grinsend – besser kann ich meine Gedanken in dem Moment nicht ausdrücken.

Auf unbeschreibliche Weise bin ich fasziniert und begeistert von dem, was ich sehe. Mir wird klar, dass man das auch einfach nicht in Worten oder Fotos rüberbringen kann, aber ich versuche es mal (und dabei konzentriere ich mich bei meinen Beobachtungen natürlich hauptsächlich auf Unterschiede von Bekanntem):
Gefühlt ein etwas anderes Licht, irgendwie wärmer und rötlicher. Die undentwirrbar scheinenden Kabelsalate an den Strommästen und Bäumen. Der Verkehr.
Mit Abstand am interessantesten war aber eindeutig der Straßenrand. Der „fehlende“ Bürgersteig, als es weiter Richtung Innenstadt ging. Die Menschen und Kinder, die auf der Straße laufen. Die Mönche in safrangelben Gewändern und rasierten Köpfen. Die verschiedenen kleinen Stände mit Herzhaftem, Früchten, Getränken oder Süßem. Die Marktstände mit dem buntesten, frischen Obst, das mir das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Die aneinandergereihten kleinen Shops. Und die als Motoparkplatz genutzten Flächen davor, wo ich eigentlich den Fußgängerweg erwartet hätte. Alles detailreich, alles nah, einfach alles wirkt eine unbändige Faszination auf mich aus.

Natürlich gab es dort (gerade noch um den Flughafen herum) auch große blitzblanke Autohäuser mit großen Oberklassewagen in den Schaufenstern sowie luxuriös wirkende Hotelanlagen und Supermärkte. Aber das kenne ich alles, was mich wirklich packt sind die unzähligen kleinen Läden. So vielfältig wie vollgepackt bis oben hin, sodass man von Weitem schon erkennt, ob es sich um einen Reifenbetrieb, einen Handyladen, ein Fachelektronikgeschäft,  oder um ein Restaurant handelt, dessen Stände und Tische bis an die Straße reichen. Oder eben alles auf einmal.

Das ist glaube ich einer der Hauptunterschiede: Während es in Deutschland große Geschäftsketten oder Läden gibt, wimmelt es in Phnom Penh von Familienbetrieben, die alle auf ihre eigene Art anziehend wirken. Deswegen ist Phnom Penh in dem Moment für mich auch so ein Augenschmaus. Ich sehe einfach so viel Unterschiedliches auf einmal.

Nach ca. 45 Minuten aufsaugen von Eindrücken kommen wir bei einem kleinen Restaurant an, in dem wir uns erst einmal stärken. Jetzt erklärt uns Lim auch die Wohnsituation: Maxim und Raphael wohnen bei ihr, während Lea, Pauline, Theresa, Tien und ich in die Freiwilligen-WG ziehen werden.


Nach dem Essen schauen wir uns die Wohnung an und laden ab. Wir lernen unsere deutschen Nachbar*innen von einer anderen weltwärts-Organisation kennen, die schon seit einem Jahr hier sind und in zwei Wochen erst zurück fliegen. Bei der darauffolgenden Zimmerverteilung bin ich jedoch nur noch physisch anwesend, denn jetzt überkommt mich die überfällige Müdigkeit/Erschöpfung. Eigentlich wollte ich bis zum Abend wach bleiben, um dem Jetlag ein wenig vorzubeugen, aber ich muss mich einfach eine Stunde hinlegen. Anschließend nochmal in das selbe Restaurant zum Abendessen.

Endlich ins Bett. Doch mit letzter Kraft schreibe ich meinen Reisetagebucheintrag, um meine ersten Eindrücke festzuhalten. Um 22:30 Uhr, nach 33 Stunden, gönne ich meinem Körper den wohl verdienten Schlaf.
Jetzt liege ich also in unserem Appartement in Phnom Penh. Mein einjähriges Abenteuer hat soeben begonnen. Schon ein komisches Gefühl…

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