Die Sache mit dem Fuß

Am liebsten will ich fluchen, mich verfluchen. Genau, wenn ich loslegen, mein Jahr starten will. Das wirft mich völlig aus der Bahn und lässt mich alles verpassen. Das ist das Dümmste, was mir passieren kann und ich versäume eine aufregende und lehrreiche Zeit auf der Provinz… Aber ganz von vorne:

29. September (bis 05. November)

Das letzte Wochenende, bevor ich auf die Provinz gehe und Clara, Pauline, Raphael und ich entscheiden uns am Samstagmittag zu einer kleinen Tempelanlage etwas außerhalb von Phnom Penh zu fahren. Da ich das Motofahren eine Woche vorher „gelernt“ habe und außer Raphael sich das niemand zutraut, fahre ich also. Ca. anderthalb Stunden später sind wir an der Tempelanlage, dem See und den hier so typischen Picknickhütten direkt am Wasser. In der Hitze bestaunen wir den alten Tempel und das umliegende Gelände. Als wir vom spannenden Auflug wieder zurück wollen, beschließen wir noch kurz durch die atemberaubende Landschaft in der Umgebung zu fahren. Doch dann wird es langsam dunkel und wir machen uns auf den Rückweg.

 

Ich bemerke bereits die ersten Probleme, als ich das abgedunkelte Visier hochklappen muss, um die Straße erkennen zu können. Später auf der doch recht vollen National Road 3 werde ich dann auch noch von den Fernlichtern der entgegenkommenden Fahrzeuge geblendet (die Nutzung des Fernlichts ist hier nachts standard). Ich denke daran, wie doof und einfach es jetzt wäre, einen Unfall zu bauen.
Und dann das Schlagloch.
Nach dem Krachen Stille.
Wir liegen halb unter dem Moto und ich fange an zu realisieren.
Da die großen Straßen großteils beidseitig bebaut und bewohnt sind, kommen uns bald ein paar Menschen zur Hilfe. Keine schweren Verletzungen – eine Erleichterung.  Ich fühle jedoch ein starkes Gefühl der Schuld und Scham gegenüber meiner Mitfahrerin, deren Knie schmerzt. Bald steht die halbe Nachbarschaft mit Handytaschenlampen um uns herum und redet durcheinander auf Khmer. Sie setzten uns auf zwei Stühle, wollen mit Tüchern die blutenden Wunden säubern und wir versuchen zu kommunizieren. Einer spricht etwas Englisch, aber mehr als „hospital“ verstehe ich auch nicht. Er will uns zu einem Krankenhaus fahren. Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als uns erneut auf Motos zu setzen und als ich einige Minuten später eintreffe, wird meine Mitfahrerin bereits verarztet.
Ein etwas absurder Anblick. Man kann sich das ein bisschen wie eine große offene Garage vorstellen, die nicht schließbar ist. An der Schwelle steht ein Glaskasten mit Medikamenten, drinnen an der einen Wand eine einsame Liege and an der anderen ein Bett. Soweit ich es erkenne, gehört das Bett jedoch der Familie, die dort wohnt. Nachdem die erste „Praxis“, zu der wir eigentlich gebracht werden sollten, schon voll war, merke ich, dass es anscheinend ein ziemlich gutes Geschäft ist, an dieser Straße als Arzt tätig zu sein…
Mit schlechtem Internet erreichen wir nach einiger Zeit die anderen beiden, die vor uns fuhren und unseren Struz nicht bemerkt haben. Nachdem der recht gut gelaunte Arzt meiner Mitfahrerin etwas gespritzt und ihre Wunde verbunden hatte, ging es ihr von Zeit zu Zeit immer besser…
Als er mir dann – mit seinen nicht heraus gewaschenen Blutflecken auf dem T-shirt – klar mache, ich solle mich auf die viel zu kleine Liege legen, wird mir erst bewusst, dass mein rechter kleiner Zeh sich weder besonders gut anfühlt, noch schön aussieht. Die Schmerzen machen sich langsam breit. Als er dann erst meinen Fuß und dann noch meinen Arm (Zweiteres ohne Betäubung) näht und die anderen beiden ankommen, können wir Kontakt zu unserer Mentorin aufnehmen. Nach einem Nachtrag zum Thema Sicherheit und Verkehr und einer Unfallstatistik der National Road 3 redet sie mit den Leuten vor Ort auf Khmer und klärt alles ab.
In Phnom Penh werden wir von den Mitfreiwilligen mit Mitleid und Humor begrüßt, die erste Überlegungen zu einer Strichliste unserer Unfälle hegen. Nach einer schlaflosen Nacht geht es dann in ein professionelles Krankenhaus in der Hauptstadt. Zum Glück nichts gebrochen. Und die Röntgenbilder kann man dann super in die Küche hängen!

Der Umzug auf die Provinz wird abgesagt und ich besuche alle 2 Tage das verhältnismäßig sehr luxuriöse und teure Krankenhaus, in dem die Ärzte – gegenüber meines Erstversorgers – sehr kompetent wirken. Zuhause werde ich von den anderen versorgt, hege jedoch recht unangenehme Laune, denn ich habe Schuldgefühle, lasse meine NGO hängen, bleibe jetzt für unabsehbare Zeit in Phnom Penh und bin auf Hilfe angewiesen.
Ich versuche also von zuhause aus ein bisschen zu arbeiten und blase Trübsal.

In der kommenden Woche wird das Pschum Ben Fest in Kambodscha gefeiert. Ein großes Fest für die Toten und Ahnen, bei dem viele Khmers aus den Städten zu ihren Familien aufs Land gehen. 3 Feiertage, die wir mit 2 Urlaubstagen zu einem längeren Ausflug nutzen wollen. Und zwar ans Meer.
Anfangs bin ich noch zuversichtlich, da die Schmerzen nachlassen, aber als mir im Krankenhaus die genähte Wunde wieder komplett aufgeschnitten wird, da der Arzt am Straßenrand wohl Mist gebaut hat, werde ich skeptisch. Ich fahre tatsächlich mit den anderen im Zug nach Sihanoukville ans Meer, entscheide mich jedoch, verantwortungsbewusst wie ich bin, am nächsten Tag alleine zurückzukommen. Eine Entzündung kann ich nicht riskieren und besonders viel Spaß hätte ich mit dem Fuß auf einer Insel auch nicht. Aber die kleine Reise ist trotz der Umstände unfassbar schön! Außerdem habe ich so die Möglichkeit, Phnom Penh mal als Geisterstadt zu erleben!

Auch die folgende Woche verbringe ich in der Wohnung im Bett, arbeite am Laptop und finde mich langsam damit ab, dass ich wohl noch einige Wochen bleiben werde, in „Street 456“. Nicht zuletzt meiner tollen Mitbewohner wegen, fange ich an, mich hier immer wohler zu fühlen. Zusammen sehen wir uns auch das Fußballspiel gegen Singapur an, welches Kambodscha leider 1:2 verliert. Und an einem Abend voller Kreativität und Tatendrang dekorieren wir die Küche und den Flur, drücken dieser Wohnung unseren ganz eigenen Stempel auf und erschaffen A-man-da:

In der nächsten Woche arbeite ich weiterhin von zuhause, komme aber langsam wieder auf die Beine und probiere am Wochenende sogar wieder mal das Fahrradfahren aus (ab diesem Wochenende betrachte ich die „Fußgängerwege“ von Google Maps sehr skeptisch… siehe Bild.)
Etwas, das ich mir schon länger vorgenommen habe: ein sehr emotionales und niederschlagendes, aber notwendiges Wochenende. Am Samstag geht es mit Pauline zu den Killing Fields und sonntags besuche ich alleine das S-21 Genozid Museum.

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Danke Google Maps für diesen tollen Fußgängerweg, zu dem du uns geleitet hast. „dry and clean“ sollte ich meinen Fuß im Flip Flop also halten..

Ab diesem Montag fahre ich wieder ins Büro und mit Absprache des Arztes, wird mein Umzug auf die Provinz erneut geplant. Ab nächster Woche (05.11.18) soll ich nach Pursat  fahren, jedoch am Wochenende zurück zu kommen, um den Arzt noch einmal meinen Fuß abchecken zu lassen. Aber davor gibt es noch das Event: Das „Charlie Puth Mega Concert“. Ein Konzert, das von unserem Mobilfunkanbieter organisiert wird und nicht einmal Eintritt kostet, wenn man einen bestimmten Tarif nutzt. Das haben wir uns nicht zweimal sagen lassen und obwohl ich die Musik nicht besonders mag und uns ein ziemlich schlechtes Playback geboten wird, macht der Abend Spaß.

Und nun ist es (hoffentlich) wirklich das letzte Wochenende, an dem ich offiziell noch hier in Phnom Penh wohne. Inzwischen fühle ich mich nicht mehr unbedingt zwischen den Stühlen sitzend – nein, das hier ist für die letzte Zeit wirklich mein Zuhause gewesen. Und jetzt umzuziehen, ist sogar recht schade. Als ich meine Sachen packe, muss ich doch über mich schmunzeln. Da ärgere ich mich über ein paar Wochen länger in Phnom Penh, habe Angst irgendetwas zu verpassen. Aber genau hier habe ich einiges über mich gelernt; entdeckte Phnom Penh und fühlte mich sogar zuhause; lebte in einer tollen WG mit einzigartigen Menschen zusammen und lernte mit einem Problem umzugehen, das mir inzwischen eher wie eine Weiche vorkommt, die mich kurzzeitig auf eine andere Bahn lenkte.

 

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