Also ab aufs Land…

5. November (bis 11. November)

Jetzt geht es also los. Die Sachen sind mal wieder gepackt und ich fühle mich fast wie damals in Deutschland. Nicht aufgeregt oder ängstlich, aber neugierig erwarte ich eine spannende Zeit, einige Herausforderungen und vor allem viel Neues. Von dem, was mich jetzt erwartet, habe ich nur eine wage Vorstellung und somit bin ich, nach einer warmherzigen Verabschiedung, auf Phearin angewiesen (derjenige, der auch für die Provinz Pursat und somit meine Einsatzstelle verantwortlich ist). Wie abgesprochen, erscheine ich um 14:00 Uhr mit Sack und Pack im Büro und bin bereit mein Abenteuer zu starten.

Um 17:00 Uhr fahren wir los. Und auf den ersten Kilometern aus Phnom Penh heraus spüre ich schon meinen wiederkehrenden Enthusiasmus, alles aufzusaugen.
Voll bepackt kommen wir spät abends in der Provinzhauptstadt an, wo ich im kleinen Büro von Mlup Baitong eine unangenehme Nacht verbringe. Meine Müdigkeit bekämpfend, fahre ich am nächsten morgen mit Phearin zu irgendjemanden nach Hause, mit dem er sich einige Zeit auf Khmer unterhält (anscheinend ein Zuständiger für irgendein Projekt, aber aus Phearin bekomme ich nicht sonderlich viele Infos). Ich mache an diesen Tagen sowieso einfach mit, was er macht, ohne wirklich einen Plan zu haben. Phearin ist nämlich ständig unglaublich beschäftigt und selbst wenn er Zeit hat, mir meine Fragen im Bezug auf die nächsten Tage zu beantworten, ist die Sprachbarriere zu groß, als dass ich mir ein klares Bild machen könne.

Aber dann soll es richtig aufs Land gehen. In die Gegend beim Ökotourismusprojekt, bei dem ich eingesetzt werde. Nur für eine Nacht, die wir bei Phearins Onkel verbringen werden. Ich bin verdutzt. Sollte ich nicht umziehen in eine Gastfamilie (Homestay) vor Ort? Anscheinend noch nicht. Also Rucksack packen, hinten auf sein Moto und los.
So ganz sicher auf diesem Gefährt fühle ich mich ja immer noch nicht, weshalb ich auf der anderthalb stündigen Fahrt leider statt einer ─ des wunderschönen Ausblicks geschuldeten ─ Euphorie, eher Todesangst verspüre. Ich klammerte mich ans Moto und an den Gedanken, dass Phearin einiges an Fahrerfahrung haben müsse. Genau das ist es auch, was er mir nach meiner Andeutung auf die Geschwindigkeit (die ernster gemeint war, als sie bei ihm ankam) lächelnd klar macht. Immerhin bremst er auf der schlaglochbestickten Straße, dicht neben großen LKWs von 75 km/h auf 45 km/h ab, wenn er mit einer Hand sein Handy am Ohr hält. Nach der huckeligen (dieses Wort hat für mich eine neue Bedeutung erhalten) Sandpiste, die von der asphaltierten Straße abgeht, erkennt meine SmartWatch ein halbstündiges „dynamisches Workout“.
Wir sind in Bamnak. Und mein Hintern schmerzt.
Dann stehe ich wieder etwas teilnahmslos dabei, als er auf Khmer mit irgendwelchen Leuten im „Community Center“ redet.

So geht es eigentlich den ganzen Tag lang, aber ich bekomme einen Einblick in die Gegend hier. Wir fahren auch zum Wasserfall „Chrok La-Eang“, also quasi der Touristenattraktion hier, die von sehr vielen Khmers besucht wird. Phearin klärt wieder etwas ab. Hier soll ich also die Guides unterrichten.
Und wieder zurück nach Bamnak, dem größten Dorf in der Umgebung. Von da aus weiter Richtung Berge, bis wir zu einigen Häusern am Straßenrand kommen ─ das letzte Dörfchen vor dem „Naturschutzgebiet“ (zu der ganzen Umgebung hier später mehr).
Es ist atemberaubend schön.

Zuvor meinte Phearin, ich solle hier wohl auch unterrichten. Wir halten bei einem Haus und gehen in den Garten zu einem Mann, der einen Hühnerstall baut. Phearin redet, ich warte. Unter einem der Stelzenhäuser steht eine Tafel. Immer mehr Menschen kommen; einige Männer und Frauen, dann auch Kinder. Phearin redet auf Khmer, die meisten hören zu, einige Antworten. Zwischendurch bekomme ich kurze sporadische Infos:

Hier Kinder unterrichten. So ca. 20 bis 30. Oder auch 50. Um 11:00-12:00 Uhr. Kannst du? Das dort ist der Sohn des Mannes, er ist Englischlehrer hier. Rede doch mit ihm.

Der junge Mann zuckt zurück wie ein verschrecktes Reh, als ich auf ihn zukomme. Besonders viel Englisch ist da leider nicht. Und auch meine Bemühungen die neugierig, aber skeptisch dreinblickenden Kindern auf Khmer anzusprechen, missglücken.

Also unterrichten, auch Erwachsene. Und Jugendliche so 13-15 Jahre. Homestay hier. Kannst du? Hier wohnen?

Moment. Das geht mir ein wenig zu schnell, ich dachte, ich werde in dem Homestay wohnen, in dem auch meine Vorfreiwillige gewohnt hat?!

Zu weit weg. Wenn ich abends unterrichte ist es dunkel. Außerdem vielleicht kein Platz mehr. Also hier wohnen, okay?

Ähm.
Ich merke, dass Phearin das am besten so schnell wie möglich abgewickelt haben will und für meine Planungs- und Überdenkgewohnheiten kein Platz ist.
Okay?!

Bevor sich die versammelte Mannschaft mit mir das hölzerne Stelzenhaus hinterm Garten ansieht, in das ich ziehen soll, erklärt Phearin verdutzen Gesichtern die Sache mit dem Vegetarismus.
Meine durch diese Spontanität entstandene Verwirrtheit und Skepsis verziehen sich schnell, als ich merke, dass ich dieses Häuschen für mich ganz alleine haben werde. Ich freunde mich sehr schnell mit dem Gedanken an, hier einzuziehen und die Sache ist beschlossen: hier werde ich wohnen und unterrichten. Bevor wir gehen, haben alle irgendwie gute Laune ─ gerade der Sohn wirkt gewissermaßen erleichtert ─ und ich habe ein ganz leises Gefühl im Bauch, dass das hier noch richtig schön wird.
Wir übernachten bei Phearins Onkel und fahren am morgen zurück in die Provinzhauptstadt und von da aus nach Phnom Penh. Nach dem Anbeten der Klimaanlage in unserer Wohnung, verbringe ich das Wochenende hier, bevor ich in der kommenden Woche richtig umziehen und die ersten Tage „alleine“ auf der Provinz verbringen werde.

Und schon wieder bekomme ich nur einen kleinen Einblick, der mich immer neugieriger macht. Vom Unterrichten, dem Leben und den kommenden Herausforderungen dort, habe ich wieder einmal nur eine Ahnung. Und wie schon so oft hier, bin ich über diese gewisse Spontanität und Ungewissheit, was genau kommen mag, irgendwie ziemlich froh!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s