Heiße Weihnacht

Der heiße Sommer wird abgelöst von Kälte, länger werdenen Nächten und feucht-grauen Tagen. Aus schwitzigen Sonnenstunden und warmen Strandtagen werden kühle Spaziergänge und im Pulli eingekuschelte Nachmittage nach heißen Duschen. Morgens sieht man seinen Atem und freut sich immer öfter, in beheizte Gebäude zu treten. Und wie immer viel zu früh, vernimmt man im Supermarkt mit „Last Christmas“ das wohl nervigste aller Anzeichen für die anstehenden Zeit.
Der Herbst ist im vollen Gange und die Weihnachtszeit beginnt. Aber nicht hier, nicht für mich.

Und ja, je älter man wird, desto mehr verschwindet natürlich der Weihnachtszauber in Stress, Hektik und Pflichten. Die kindliche Unbeschwertheit weicht mit jedem Jahr von einem und man blickt verdutzt auf: „Es ist schon Dezember?“, statt die Tage zu zählen, bis man endlich das erste Türchen öffnen darf. Aber dieses Jahr nimmt das Verpassen der Weihnachtszeit für mich eine neue Dimension an:

Der fehlende Wandel des Wetters (okay, also es regnet weniger, da die Trockenzeit beginnt und es ist um ein paar Grad weniger erdrückend heiß) und die schiere Abwesenheit des Herbstes, rauben mir komplett das langfristiges Zeitgefühl. Es ist eben durchweg Sommer. Das mag für manche vielleicht nun wie ein Traum klingen, aber in der letzten Zeit hatte ich nicht selten ein sehnsüchtiges Verlangen nach Frieren und dem Gefühl des anschließenden, geborgenen Aufwärmens wie z.B. durch ein heißes Getränk, einen kuscheligen Pulli, einen knisternden Ofen oder einfach einer heißen Dusche. Man will nun einmal, was man nicht hat.
Somit verpasse ich quasi komplett die Voraussetzungen für eine authentische Weihnachtsstimmung – den ankommenden Winter. Nun gut, an einem der ersten Dezembertage, als ich in Phnom Penh war, haben wir Weihnachtsmusik gehört und uns Pläne für Heiligabend gemacht (ich freue mich bereits drauf), als die Klimaanlage uns auf voller Leistung zu einen paar geweckten Weihnachtsgefühlen verhalf.

Doch auch die letzten Anzeichen der sonst so omnipräsenten Weihnachtszeit waren für mich Geschichte, als ich wieder auf der Provinz fuhr und unsere Expatgegend in Phnom Penh verließ, in der sich manche Supermärkte gerade kitschig schmückten. Und hier gibt wirklich kein Weihnachten. Ich gehe sogar davon aus, dass viele Leute hier nicht einmal wissen, was das ist.

Dieser Abstand lässt mich die ganze Sache auf der einen Seite etwas vergessen. Aber wenn ich dann mal wirklich darüber nachdenke, werde ich mir auf der anderen Seite darüber bewusst, wie stark emotionalisiert dieses Fest für mich ist. Mit wohligem Gefühl denke ich an die sinnlichen und geborgenen letzten Tage der vergangenen Jahre zurück, die doch irgendwie immer ein Highlight darstellten. Schwer zu beschreiben, wie sich tief in mir Gefühle regen, wenn ich in der Hängematte in der Mittagssonne auf Reisfeldern stehende Ochsen erblicke und an Dinge denke wie:

Schokolade; Plätzchen backen und sie nachmittags bei Kaffee und Kuchen essen; vorm Ofen aufwärmen, wenn es draußen kalt ist; Nikolaus; Weihnachtsdeko; Schokolade; Adventskalender; Adventskranz; Kerzenschein; Weihnachtsessen; Weihnachtsmarkt; Weihnachtslieder; Kälte und geborgene Wärme; Schokolade.

Ich habe weniger ein starkes Verlangen nach den meisten Dingen, als dass ich sie jetzt langsam einzuordnen weiß in ein tief verankertes Konstrukt aus Sinneswahrnehmungen, Kultur, Gefühlen und Werten – eine Tradition. Jedes meiner Lebensjahre hat sie mich behutsam begleitet und zu dem gemacht, was sie ist. Und auch wenn ich mich nie als sonderlich konventionell betrachtet habe, so kann ich dieser Tradition doch mehr als genug wunderschönes abgewinnen und bin sehr dankbar, sie in mir zu tragen.

Letztendlich verhält es sich doch so mit allen Traditionen, oder? Auch hier. Ich habe schon und werde noch Festtage und Feierlichkeiten erleben. Ich kann sie beobachten, mitfeiern und vielleicht auch eine logische Erklärung für einige Zeremonien o.Ä. in Erfahrung bringen. Aber letztendlich geht es ja um viel mehr, um das Gefühl und die Leidenschaft, die dahinter steht und welche ich wahrscheinlich nie vollkommen erfahren kann. So wenig, wie ein Kambodschaner verstehen kann, was es für mich heißt, einmal im Jahr einen ganzen Baum mitten ins Wohnzimmer zu stellen, ihn mit komischen Kugeln und Lichtern zu behängen, nur um an einem Abend in buntem Papier gewickelte Geschenke darunter zu legen. Und ganz ehrlich, wer sowas mit Herz und Seele macht, sollte sich nie wieder über komische Traditionen in anderen Kulturen wundern…

Also nach meinem Weihnachtsfest mit den anderen Freiwilligen in Phnom Penh, auf das ich mich schon sehr freue, habe ich jetzt doch ein etwas anderen Blick auf Traditionen. Und ich bin mehr als gespannt auf die, die ich noch in Kambodscha erfahren werde!
Und auch Weihnachten werde ich nächstes Jahr wohl noch intensiver und zufriedener erleben, da ich die ganzen kleinen Dinge hoffentlich stärker wertschätzen kann. Und wenn es dann soweit ist, der Sommer auskühlt und sich meine Mitmenschen über das Glatteis beschweren, werde ich mir in wohliger Genugtuung meinen kuscheligen Pullover überstülpen und auf das erste „Last Christmas“ im Supermarkt warten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s