Ab ins kühle Nass

10. November (bis 20. November)

Zu meiner Erleichterung sagt mir der Arzt, ich müsse nicht mehr kommen, solange es sich nicht plötzlich dramatisch verschlechtert. In stiller Hoffnung, diesen Mann nie wieder sehen zu müssen, bekomme ich auf meine Verabschiedung ein „See you!“ erwidert.
Als ich nach dem schönen Wochenende in der Großstadt montags aufstehe und grübele, was da genau auf mich zukommt, und ob Pherin einfach kein Mann der Planung ist oder er sie mir nur bruchstückartig mitteilt, klingelt das Telefon. Ich werde doch zweieinhalb Stunden früher abgeholt als besprochen. Nachdem ich mich in der Hitze zum Treffpunkt gehetzt und dort 45 Minuten gewartet habe, steige ich ins Auto eines Kollegen von Pherin, der bei der Regierung arbeitet (von hier an „Regierungstyp“ genannt).

Die Nacht verbringen wir noch im Büro in der Provinzhauptstadt, wo auch noch alle meine Sachen sind und ich gerate in das erste größere Missverständnis mit Pherin. Erst nachdem ich ihm klar gemacht habe, er solle mir bitte sofort sagen, wenn er etwas nicht verstehe, realisiere ich, wie wenig er tatsächlich versteht. Ich schäme mich für meine Ungeduld an einigen Stellen.

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Im Büro hatten wir ein dezentes Mückenproblem, das Pherin mit großzügigem Einsatz sicherlich grenzgesundem Spray in ein Massaker verwandelte. Ich habe noch nie so viele tote Mücken gesehen.

Am nächsten Tag geht es mit Sack und Pack im Auto des Kollegen aufs Land. Zur Touristenattraktion – dem Wasserfall –, bei dem ich wieder mal einem Meeting auf Khmer beiwohne. Pherin fährt danach mit mir auf steißbeinzerschmetternden Wegen zu sehr armen Menschen. Nach 3 Stunden Gerede und dem Kauf einer gigantischen Jackfrucht geht es endlich zurück. Der Regierungstyp und sein Auto samt meiner ganzen Sachen sind schon weg. Aber keine Sorge, er hat alles bei der Tankstelle in Bamnak (dem nächst größeren Dorf) abgeladen. Als wir ankommen stellt sich mir nur die Frage, wie wir das alles auf einem Moto transportieren sollen. Selbst Pherin erhaschen erste Zweifel, aber schnell merke ich, dass meine Vorstellungen von Fahrzeugkapazitäten in Kambodscha neu definiert werden.

Als wir im dunkeln bei meiner Gastfamilie ankommen, ist einiges los. Und nachdem ich ziemlich erschöpft die Attraktion einiger Kinder geworden bin, die mich stets in einem gewissen Abstand und einer Mischung aus Neugier und Zurückhaltung bestaunen, „zeigt“ Pherin meiner Gastmutter, wie man „vegetarisch kocht“ (Naja, dazu später mehr). Das unangenehme Gefühl angestarrt zu werden, ohne dass die Kinder mein Unwohlsein bemerken, verfliegt, als wir zusammen mit einigen Männern im Kreis sitzen und zu Abend essen. Doch ein Nachschlag von ihrem selbstgemachten Palmwein aus Kanistern, in dem eine Vielzahl an mittelgroßer Insekten schwimmt, lehne ich dankend ab.

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Es war schon eine komische Situation, aber inzwischen bin ich es total gewohnt, durchgehend beäugelt zu werden…

Der folgende Tag bedient sich alter Muster. Ein Projekt meiner NGO zielt mit der Verlegung von Wasserleitungen auf fließendes Wasser (vom Wasserfall) für umliegende Haushalte ab. Nun sind diese Plastikrohre angekommen und den ganzen Tag sehe ich den Lieferanten zu, wie sie and verschiedenen Orten stundenlang diese Röhren abladen, während Pherin sich mit den Leuten vor Ort austauscht. So bekomme ich jedoch mal einen Einblick, wie die aktive Umsetzung eines solchen Projekts aussehen kann.

Erst am folgenden Morgen geht es für mich richtig los, nachdem sich Pherin am Vorabend mit den Infos – von 8:00-10:00 Uhr und 18:00-19:00 Uhr Kinder unterrichten – von mir verabschiedet. Eine Tafel wird mir unters Haus gebracht und mit ca. 15 Schülern im Alter von 7-12 beginne ich meine ersten zwei Unterrichtsstunden. Doch spätestens bei der Abendstunde wird mit klar, dass ich ziemlich ins kalte Wasser geworfen wurde. Plötzlich warten an die 40 Kinder unter meinem Häuschen, von 5 – 13 Jahren alles dabei. Keine Stühle oder Tische, nur eines dieser Zwischendinger, die hier für alles verwendet werden und auf dem sich die meisten Schüler drängen. Andere stehen oder sitzen auf dem Boden. Es wird schnell dunkel, sodass eine Glühbirne beschafft wird. Nicht nur, dass ich mit den ganzen Insekten im Gesicht kaum etwas sehen kann, ich bin auch etwas hilflos bei den ersten Unterrichtsversuchen – zumal ich keine Ahnung habe, ob oder was die Kinder schon können. Der Sohn meines Gastvaters (der Englischlehrer) ist mir dabei auch keine große Hilfe, sodass ich schlechte Laune bekomme und der festen Überzeugung bin, dass es so nicht weiter gehen kann. Mir scheint es, als sei nichts vorher geplant oder vernünftig durchdacht worden. Das Wasser, in das ich hier geworfen wurde, ist unangenehm und frustriert mich.

Nach morgendlichem Unterricht (diesmal plötzlich auch mit ca. 40 Kindern) fahre ich nach Bamnak (wo es Internet gibt) und schreibe meiner Mentorin, dass ich hier beim Unterrichten gerne einiges ändern möchte.
Und mit einem Mal werde ich mir über all das Positive bewusst, was ich sonst vielleicht etwas verdrängt habe. Wie unbeschreiblich schön die Landschaft hier ist und welche beruhigende Wirkung sie auf mich hat im Gegensatz zur hektischen Großstadt. Alles wirkt entschleunigt und die Reisfelder, die Büffel, die Palmen und die Berge ergänzen sich zu einem Anblick, der mich meine Sorgen schnell vergessen lässt.
Aber gerade die Menschen sind es, die mir gute Laune bereiten. Durch die Anrede als „Loh Kruh“ oder „teacher“ bzw. „cher“ (wirklich anders werde ich hier von niemandem genannt) erhalte ich zwar auch eine kritisch zu betrachtende Autorität, aber vor allem erfahre ich dadurch die unfassbare Wertschätzung, die mir entgegengebracht wird. Es scheint sich jeder zu freuen, dass ich hier bin und die Kinder bringen mir andauernd Geschenke in From von Obst.

Nun nehme ich die Situation langsam an und füge mich. Trotzdem an diesem Abend noch mehr Kinder kommen (jetzt sind es ca. 60 – das scheint sich herumgesprochen zu haben), überwiegt meine gute Laune. Ich merke, wie diese Herausforderung eine riesige Chance ist und ich daraus eine wundervolle Zeit machen kann.

In den folgenden Tagen werde ich von diesen positiven Gedanken und vor allem von der Hängematte getragen, die ich bekomme. Trotzdem ich teilweise etwas überfordert mit dem schwankenden Alter und der variierenden Anzahl meiner Schüler bin, genieße ich die Zeit hier regelrecht. Ich habe tagsüber einiges an Zeit für mich – und fürs Lesen/Khmer lernen, und gewöhne mich voll und ganz an diese neuen Umstände. Am Wochenende sehe ich mich ein bisschen in der Gegend um und bin sogar bei so etwas wie einem Wandertag dabei – eine sehr interessante Erfahrung.
Am Montag kommt Pherin mit einer neuen Angestellten vorbei und „plant“ mit mir Änderungen fürs Unterrichten in Zukunft. Denn am folgenden Morgen geht es für mich wieder nach PP – jedoch inzwischen ist das nur ein Ausflug in die Stadt, für den ich nur das Nötigste packe. Ich wohne ja jetzt hier.

Inzwischen bin ich sogar froh darüber, hier ins kalte Wasser geworfen worden zu sein. Immerhin ist es in Kambodscha meistens sowieso viel zu warm und wenn ich meinem Körper anspanne, die Arme ausstrecke und mit dem Kopf zuerst hereinfliege, habe ich auch beste Voraussetzungen, tief einzutauchen – in diese Erfahrung, diese Kultur und das Leben hier.

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