Phnom Penh

Anders. Lebendig. Detailreich. Überwältigend. Als ich damals in Phnom Penh ankam, war ich, wie schon beschrieben, total gesflasht und überfordert. Die Stadt packte mich ab der ersten Minute und implizierte sehr direkt, dass ich mein vorgefertigtes Bild schnellstmöglich über den Haufen werfen sollte. Doch wie hat das Wohnen dort und meine Zeit in Kambodscha diesen Eindruck geändert?

Klar ist, dass ich mittlerweile keinen einschlägigen Vergleich mehr zu Deutschland habe. Ich empfinde Dinge vielleicht inzwischen als normal, deren Andersartigkeit mich im Hinblick auf „den Westen“ vorerst überrascht hatten. Das bedeutet, dass es für den Leser umso wichtiger ist, diesen Text und die Bilder in ein Kontext einordnen zu können, falls mir das nötige Feingefühl an manchen Stellen fehlen sollte.
Des Weiteren ist das hier mein Blog und kein Wikipediaartikel oder Reiseführer über Kambodschas Hauptstadt. Dementsprechend stelle ich meine eigene Wahrnehmung dar, die möglicherweise vom objektiven Blick auf diese Großstadt abweicht oder dieser sogar widerspricht. Ich erlaube mir nicht einmal die Recherche – zumal ich beim Schreiben sowieso kein Internet habe.

Da wohnte ich also plötzlich das erste Mal in meinem Leben in einer Großstadt und wollte mich schnellstmöglich – gerade geografisch – orientieren.
So schlängelte ich mich sehr neugierig durch kleine Gassen und große Kreuzungen, vorbei an riesigen, leuchtenden Hotels und Kasinos zu den typischen Gitterstäben und Garagen ähnlichen kleinen Läden, die die Straßen begrenzen. Überall gibt es diese Wagen von Straßenhändlern, die leckere Snacks, süßen Backwaren und Naschzeug, Getränke oder ganze Mahlzeiten anbieten. Ich ließ keine Gelegenheit aus, mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden und mit der Zeit (und Google Maps) entstand eine kleine Karte in meinem Kopf. Denn letztendlich ist das Zentrum und der für mich relevante Teil gar nicht so groß. Bald darauf hatte ich die wichtigsten Straßen im Gedächtnis (bei Namen wie Mao Tse Toung Boulevard gar nicht so schwierig), die praktischer Weise meist rechtwinklig durch die Stadt führen. Auch der große Tonle Sap Fluss in Nord-Süd Ausrichtung hilf bei der Orientierung.
Mit jedem Tag fiel mir mehr auf, das unsere Wohnung eigentlich eine grandiose Lage hat, wo wir inzwischen in Stammrestaurants oder Supermärkten bekannt sind. Doch ungewohnt ist es für mich allemal, beispielsweise drei kleine Supermärkte in wenigen Minuten Fußentfernung erreichen zu können.


Was Phnom Penh sonst so bietet, habe ich gerade in der Zeit nach dem Unfall erfahren, in der ich mich viel intensiver einlebte, aber vor allem erstmal medizinische Versorgung brauchte. Die für Ausländer empfohlenen (und auch am besten ausgestattetsten) Krankenhäuser sind natürlich mit Abstand die teuersten – eine weitere starke Konfrontation mit meinen Privilegien. Und auch wenn ich mich meist in kompetenten Händen fühlte, gilt die allgemeine Regel, für schwere Operationen nach Thailand oder Vietnam zu fliegen.

Da ich nun doch nicht in der Hauptstadt wohne, wie andere Freiwillige, habe ich leider auch nicht so viel des kulturellen Angebots erfahren, wie sie es tun. Aber das sind meine Eindrücke:
Anscheinend verbringt der „Durchschnittsbürger“ (gerne auch mit Familie) Feier- oder Sonntage an den einzigen Orten der Stadt, wo man sich mal die Beine vertreten kann – an der Riverside und Umgebung, die gerade dann sehr belebt sind. Und da es nicht nur lediglich an sämtlichen Bürgersteigen in der Stadt mangelt, sondern auch an Parks oder Grünflächen, ist das Zentrum des Sports jeden Nachmittag das Gelände des Olympiastadions, dass bei Länderspielen natürlich rappel voll ist.
Wie wir auch an einem der ersten Tage dort gemerkt haben – als wir irgendwo draußen den Abend genießen wollten, auf Google Maps einen Fluss in der Nähe ausmachten, der sich letztendlich nur als Abwasserkanal herausstellte – ist Phnom Penh was öffentliche Plätze angeht sehr zentralisiert und nicht besonders abwechslungsreich bzw. schön.
Ich selbst habe leider kaum etwas von Student*innen- oder Kunstszenen mitbekommen, was wahrscheinlich aber auch daran liegt, dass ich kein kambodschanischer Student bin.

Auch wenn etwas überschaubar, mangelt es gerade im touristischen Zentrum nicht an herkömmlichen Nightlife. Es gibt zwar auch viele exklusive Discos für die ganz Reichen, sowie Bordelle, die als „KTV“ Einrichtungen getarnt sind, aber es ist nicht schwierig auch vernünftige Clubs und Bars zu finden. Dort stößt man unweigerlich auf eine Vielzahl an Touristen und Expats.
Sonst gibt es natürlich Kinos, riesige Shopping Malls, Theater und spezielle Kultureinrichtungen, die meiner Auffassung jedoch auch vorwiegend von Weißen oder der kambodschanischer Oberschicht besucht werden. Und somit fühlte ich mich, was Freizeitaktivitäten anging, oft auch in einer kleinen Expatblase gefangen.


Doch die Kluft zwischen Arm und Reich zeigt sich ganz besonders erst auf den Straßen. Und ich rede nicht von den bunt beleuchteten, glänzenden Kasinos und Luxushotels in der Innenstadt, im Vergleich zu den bettelnden Straßenkindern etwas außerhalb, sondern von Fahrzeugen. Wer Geld hat, der zeigt es. Somit fahren durch Phnom Penh, neben den unzähligen Motos und Tuk Tuks, hauptsächlich überdimensionierte, hochglanzpolierte, schwarze oder weiße SUVs. Es reicht wohl nicht, unnormal viel Geld für ein Auto auszugeben – nein, es muss auch noch eines sein, dass absolut ungeeignet für die engen Gassen und wenigen Parkplätze in der vollen Stadt ist.

Schnell entwickelte ich eine gewisse Abneigung gegen diese verkehrsverstopfenden Kompensationskarren, aber werde aufgrund meiner Hautfarbe und nicht ganz zu unrecht von Locals genauso als reich erachtet. Jedoch will ich mich nicht nur eindeutig von den prahlenden Reichen abheben, sondern vor allem auch von den Tourist*innen, für die man öfters gehalten wird. Ich versuche mich den Locals verbundener zu fühlen und als jemand erkannt zu werden, der hier wirklich lebt und sich auf dieses Land einlässt. Rückblickend kann ich mir eine gewisse Doppelmoral dabei nicht absprechen.

Ganz besonders eindrucksvoll ist diese Offensichtlichkeit zwischen Arm und Reich, weil ich keine klar definierten Viertel ausmachen kann (z.B. Studentenviertel, Reichenviertel, Armenviertel oder richtige Slams). So beobachte ich nun einmal die großen Autos täglich, wie sie einerseits an Hochhäusern, andererseits an kleinen Lastern vorbeifahren, die mit Fabrikarbeitern beladen sind. Zwar merkt man schon, ob in einer Gegend im Markt beim Abwasserkanal oder in der Shopping Mall eingekauft wird, aber überall spüre ich irgendwie diese Präsenz Phnom Penhs.
Ob das an den Straßen, dem Verkehr, den Straßenverkäufern, den Restaurants, den Gerüchen, dem Rhythmus oder den spezialisierten Läden liegt, kann ich nicht festmachen. Die Stadt hat einfach eine gewisse Kontinuität, die ich z.B. aus Berlin so nicht kenne.


So mag die Stadt dem einen oder anderen ab einem gewissen Zeitpunkt langweilig oder monoton vorkommen. Aber ich sehe in Alledem eine unfassbare Vielfalt, eben genau wegen all der Straßenverkäufer, der ganzen Läden oder Märkten und dem Detailreichtum, der sich einem auftut, wenn genauer hingesehen wird.

Doch gerade von Provinzler*innen wird die Hauptstadt als zu laut, hektisch, heiß, stickig, ungemütlich, chaotisch und überfordernd empfunden – und das nicht ganz unberechtigt. Gerade wenn man vom Land zurückkehrt, ist dieser Eindruck sehr intensiv.
Trotzdem zaubert Phnom Penh mir bei meiner Ankunft immer ein Lächeln aufs Gesicht. Nicht nur, dass ich mich an ihr in nicht satt sehen kann, mich aufs Genießen spannender Tuk-Tuk Fahrten, die Kultur- und Freizeitangeboge, vielseitigen Märke, Läden und Restaurants freue – Nein vor allem ist Phnom Penh für mich eine Basis, ein Zuhause geworden, in dem immer eine Wohnung und gute Freunde auf mich warten werden.

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