Ins Neue Jahr fotografiert

23. Dezember (bis 02.01.2019)

Ich starte also in die letzte Woche des Jahres mit dem Wissen, sie ohne die Familie und auf ganz andere Weise  zu erleben, als sonst immer. Doch nicht zuletzt deswegen, werde ich dieses Weihnachten (und Silvester) sicherlich noch lange in Erinnerung behalten!

Aber eines ändert sich nicht. Der Fakt, dass am Tag vor Weihnachten in Schlafanzug zuhause herumgegammelt wird – was mich irgendwie sehr froh stimmt. Nach „Kevin allein zuhaus“ und einem ferienmäßigen Ausschlafen muss ich mittags jedoch trotzdem nochmal ins Büro. Hier beginnt das einwöchige annual meeting, dem ich nachmittags beiwohne, bis ich wieder in die Wohnung komme, wo die letzten Vorbereitungen getroffen werden.
Statt des sonst gewohnten Kirchengangs ziehen wir, Weihnachtslieder singend, rote Zipfelmützen tragend und verwirrende Blicke erzeugend, durch unsere Gegend und wünschen den Leuten in unserem Stamm-Restaurant, -Supermarkt und -Smoothiestand ein frohes Fest. Nachdem ich mich mit köstlichem, vertrauten Essen (großes Lob an die Küche) dermaßen den Bauch voll geschlagen habe, dass ich an diesem Abend nicht mal mehr die geschickten Plätzchen meiner Großeltern probieren konnte, wird gewichtelt, gesungen, gespielt und auch kurz nach Hause telefoniert. Ein gelungenes Fest!

Die nächsten zwei Tage fahre ich standardmäßig zur Arbeit, wo es größtenteils meetings auf Khmer gibt. Jedoch lerne ich die tschechische Freiwillige Terezá kennen, die für 3 Monate bei Mlup Baitong arbeiten wird. Ansonsten genieße ich nach der Zeit auf der Provinz die Tage in der WG, an denen ich richtige Konversationen mit Menschen führen kann, mich von Weihnachtsnaschereien ernähre und Internet habe.

 

 

 

Am Donnerstag ist bei Mlup Baitong alles inhaltliche abgeschlossen und der Ausflug beginnt, auf den alle gewartet haben. Früh morgens – und erstaunlich pünktlich – fährt unser Bus mit dem ca. 25 köpfigen Team aus Mitarbeitern und 2 Freiwilligen nach Mondulkiri (einer hügeligen Provinz, die im Westen an Vietnam grenzt). Durch meine extreme Müdigkeit wäre ich einige Male fast eingeschlafen, aber die Liebe der Khmers für Karaoke – und dem damit verbundenen Umstand, dass es wie in so vielen Bussen auch hier eine solche Karaokeanlage gibt, dessen Box zufälligerweise genau unter meinem Sitz platziert ist – die auch meine Kopfhörer mit voller Lautstärke nicht übertönen kann, hält mich glücklicherweise wach.
Beim letzten Stopp vor unserer Ankunft, bei dem vor schöner Aussicht natürlich haufenweise Fotos gemacht werden müssen, begegnen wir Pauline und Theresa (zwei meiner Mitfreiwilligen). Ich kann ja einmal schon nicht fassen, dass die beiden Verrückten mit einem Moto mehrere hundert Kilometer durch Kambodscha fahren, aber dass sie uns zufälligerweise über den Weg laufen, weil sie in die ähnliche Richtung wollten, bestätigt unser aufgestelltes Motto: In Kambodscha ist alles möglich.

Am nächsten Morgen gibt es das volle Programm. Als erstes fährt uns der Bus zum großen Kreisverkehr mit dem Wahrzeichen Mondulkiris, den, wie ich es mitbekommen habe, jede Provinzhauptstadt hat (Natürlich mit dem Wahrzeichen der jeweiligen Provinz). Hier bekomme ich eine erste Kostprobe, was es heißt, unter Khmers als Kameramann zu fungieren. Noch bevor ich überhaupt dazu komme, vernünftige Gruppenbilder zu schießen, lässt sich jeder alleine oder in kleinen Gruppen mit Handykameras für Facebook ablichten. Nach der ersten Fotosession geht es dann zu sehr beeindruckenden und ungewohnt unabgezäunten Wasserfällen. Den unglaublichen Anblick kann ich, aufgrund des unbändigen Verlangens meiner Kollegen, fotografiert zu werden, jedoch kaum genießen.
Strikt nach Zeitplan auf zum nächten Halt, einem Restaurant und Aussichtspunkt auf einem Berg. Dieser tolle Ausblick muss natürlich genutzt werden, um die Sammlung an Facebookfotos zu vergrößern. Dann weiter zu einer kleinen Bienenfarm, mit dessen Waben man ein schönes Motiv für Fotos abgibt. Doch was wäre so ein Ausflug ohne Kaffepause, bei der man ein paar Selfies machen kann? Wir besuchen eine nette kleine Kaffeplantage, dessen Koffein ich nun wirklich nötig habe. Als letztes noch zu einem weiteren Aussichtspunkt mit Blick auf die kleine Provinzhauptstadt. Ein perfektes Motiv also, um nochmal auf den Fotos deutlich zu machen, wo man denn war.
Den Abend verbringen wir in einem sehr netten, gemieteten Restaurant. Es wird gegessen, gesungen, Reden gehalten, getanzt und gefeiert. Dann gibt es eine Tombola, bei der jeder etwas gewinnt. In den meisten Fällen ein Wasserkocher. Hauptpreise waren Reiskocher und kleine Musikboxen. Jetzt wird mir klar, wofür der ganze Laderaum des Buses genutzt wurde.

Vor der Rückfahrt gibt es in einem hübschen Resort noch die Möglichkeit Fotos mit schönen Blumen und einem Bach zu schießen, bevor gemeinsam letzte organisatorische Dinge beschlossen werden. Als ich das Anschalten der Karaokeanlage höre, fällt mir auf, dass ich immer noch auf dem gleichen Platz wie auf der Hinfahrt sitze. Ich weiß also, was mich die nächsten Stunden erwarten wird und ergebe mich meinem Schicksal. In Phnom Penh habe ich wenigstens eine Nacht Ruhe in der Wohnung.

 

 

 

Während die anderen Freiwilligen Silvester teilweise zusammen feiern, wollte ich die Gelegenheit nutzen, mal etwas mehr mit Locals in Kontakt zu kommen. Denn Ratthy – ein Kollege – hat mir angeboten, mit ihm und seinen Freunden über Silvester ans Meer zu fahren und dort zu campen. Irgendwie habe ich es geschafft von Phnom Penh aus mit noch 2 anderen Khmers und kurzfristig auch Terezá in den Bus zu gelangen, der etwas zu klein für die ca. 30 Mitreisenden war – alles Khmers aus Battambang (wo Ratthy wohnt). Nach einer sehr langen Fahrt, die ich trotz wenig Platz als sehr angenehm empfand, da keine Karaoke gesungen wurde, kommen wir am Strand an, bauen die Zelte auf, essen und schlafen 4 Stunden.

Man muss sich das so vorstellen: Der Strand ist hauptsächlich Anlaufstelle für Locals. Es gibt kleine Bars und Hostels, aber wir waren einfach bei einer kleinen Hütte, in der (ich mutmaße) Fischer wohnen, die den Platz am Strand mit Platikstühlen, Tischen, ihrem Badezimmer und Essen anbieten.

Auch hier gibt es ein striktes Programm und nach kurzer Busfahrt geht es mit einem Boot auf dem Fluss zu einer Schule. Denn die 30 Khmers machen diesen Ausflug auch, um diese „Charity“ Aktion durchzuführen. Wir legen also bei der Schule an und die Kinder stellen sich in verschiedenen Reihen auf. Jedes Kind bekommt nun von jedem meiner Mitreisenden eine Trinkflasche, ein Getränk und ein Schreibblock in die Hand gedrückt. Jede Übergabe natürlich mich Foto und Lächeln. Ich stehe etwas teilnahmslos daneben und weiß nicht so recht, was ich davon halten soll.
Dann besichtigen wir die Schule, bevor es weiter an einen wunderschönen Wasserfall geht, wo gebadet wird. Anschließend besuchen wir noch ein großes Ökotourismusprojekt – einen Wald auf einem Fluss. Ich erwähne noch nebenbei, dass hier Fotos mit diversen Posen und vielseitigen Perspektiven enstehen, bevor es zurück an den Strand geht. Ab ins Wasser, essen und auf 0 Uhr warten.
Wie erwartet bekomme ich kein Feuerwerk zu Gesicht, nur eine Menge Kong-Ming-Laternen von denen eine nach dem anderen ins Meer taumelt. Es wird noch gefeiert und getanzt, aber so wie ich sind alle ziemlich fertig und somit war das wohl mein kürzestes Silvester seit langem. Nichtsdestotrotz mache ich ein paar Bekanntschaften und erfahre , wie die jungen Leute hier so ticken.
Nach einer weiteren Foto-Session vor dem  Kreisverkehr der Provinz Koh Kong nimmt die Busfahrt den gesamten Tag in Anspruch. Ich werde in Pursat abgesetzt und am nächsten Tag bin ich wieder in meinem Häuschen auf der Provinz.

Diese letzten Tage des Jahren waren also wirklich anders als alles, was ich sonst in dieser Zeit erlebt hatte. Sie waren voller Fotos, ohne Familie, wunderschön, lecker, ereignisreich, laut,  lehrreich und anstrengend. Doch vor allem waren sie ein gebührender Abschluss des aufregendsten Jahres, das ich je erlebte habe. Jetzt bin ich nur gespannt, wie 2019 das noch toppen wird.

 

 

 

 

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