Wenn mal alles Kopf steht

2. Januar 2019 (bis 11. Februar 2019.)

Da ist es also. 2019. Ich bin wieder in gewohnter Provinzumgebung und fange an, mich einzuleben. Aber nicht nur wegen des wenigen Schlafs der letzten Nächte und den anstrengenden Fahrten fühle ich mich müde und ausgelaugt. Dieser „Urlaub“ am Ende des Jahres bringt mich leider nicht voller Elan zurück zum Einsatzplatz, sondern trägt teils auch zu einer Tiefphase bei, in die ich hier gerate.

Gastfreundlich wie immer werde ich aufgenommen und freue mich, die vertrauten Gesichter wiederzusehen. Doch gerade in den ersten Tagen muss ich mich wieder an das Leben hier gewöhnen, das ist immer so. Allerdings fällt es mir diesmal irgendwie schwer, mich vollkommen darauf einzulassen und sehe mich ständig mit Problemen konfrontiert, die mir den Alltag erschweren. Ich erlebe in den ersten Wochen einen kleinen Durchhänger, bei dem Folgendes zusammentrifft:

Die Weihnachtszeit und alles drum herum lässt mich natürlich auch viel an Zuhause nachdenken. An Familie, Freunde und einfach Sachen, die es hier nicht gibt. Als Heimweh würde ich es nicht direkt bezeichnen und schätze, es ist recht normal, diesen Gefühlen jetzt mal ausgesetzt zu sein. Dazu kommen dann aber eben auch die Erinnerungen an das schöne Weihnachten, an Phnom Penh mit den Freiwilligen und anderen Dingen, auf die ich in der Provinz erst einmal verzichten muss. Und diese Gedanken halten sich hartnäckiger, als ich sie anfangs einschätze.

Dann mache ich mir selbst ein bisschen viel Druck. Zum Beispiel beim Khmer lernen oder dem Sport. Da Letzteres für mich z.B. auch mit der Ernährung zusammenhängt, ist es durch die gegebenen Umstände besonders schwer, mich zufrieden zu stellen und meine Ziele umzusetzen.

Und da ist das Problem rund ums Unterrichten. Neben den schwierigen Umständen und den langsam frecher werdenden Kindern, bekomme ich Selbstzweifel. Ich weiß oft nicht, wo ich anfangen soll, was zu unterrichten, frage mich, ob das Ganze überhaupt irgendetwas bringt und steigere mich in ein Unwohlsein herein, das mich die ersten Wochen begleitet.

Und zu guter Letzt kommt hinzu, dass ich den unfassbar tiefen Einblick, den ich hier bekomme, besonders dazu nutze, die ganzen real existierenden Probleme herauszufiltern. Ich werde mir erst richtig über die Waldrodung bewusst, die hier jeden Tag in einem riesigen Ausmaß stattfindet, die armen Menschen hier ausbeutet und sie in Abhängigkeit stellt. Ich merke erst jetzt, wie existentiell die finanziellen Probleme – gerade auch meiner Gastfamilie – sind. Ich erfahre deprimierende Lebensgeschichten, sehe Perspektivlosigkeit, Angst und Frust. Und der Umgang mit Plastik und den Tieren (vor allem den Hunden), der mir sehr unangenehm ist, runden das Bild ab, das eigentlich noch viel komplexer ist, und sich jeden Tag etwas erweitert.

Mir ist jedoch von Anfang an auch klar, dass es eine Sache der Zeit ist, bis ich damit zurechtkomme, mich richtig einlebe und die schönen Dinge genießen kann. Und so übe ich mich in Disziplin und vor allem Geduld, nehme die Dinge nicht so schwer, gehe lockerer an Manches heran und ordne mit der Zeit meine Gedanken. All das Positive rückt nun wieder mehr in den Vordergrund und ich lerne nicht nur vieles Kleine zu schätzen (von der Landschaft bis zu der verblüfften Freude, die ich hervorrufe, wenn ich mit meinen bescheidenen Khmer Kenntnissen Locals überrasche), sondern gerade auch wieder zu realisieren, was für eine riesige Chance ich das alles bietet. Es ist unglaublich, wie viel ich jeden Tag lerne, mich weiterentwickle und diesen Menschen näher komme. Natürlich kann ich das nicht immer sofort wahrnehmen, aber nicht selten erinnere ich mich daran, wie unglaublich wertvoll dieser intensive Einblick eigentlich ist.

Somit „tauche“ in im quasi Januar wirklich „richtig ein“ und bleibe die gesamten 4 Wochen auf der Provinz (außer einer Ausnahme, als ich wegen eines Notfalls für einen Tag nach Phnom Penh fuhr. Nur so viel: Maxim ist nun leider wieder in Deutschland, aber die ganze Aktion hat mir noch einmal deutlich gemacht, was für tolle Menschen diese anderen Freiwilligen hier in Kambodscha sind, auf die man sich immer verlassen kann).

Von Montag bis Samstag durchlaufe ich normalen Alltag, indem ich in der Schule und im Ökotourismusprojekt unterrichte. Die Sonntage genieße ich einfach als freie Tage und unternehme nichts großartig, bis auf einen Ausflug mit dem (Englischlehrer) in ein sehr abgelegenes Dorf.

Anfang Februar geht es dann zum Zwischenseminar. Ich freue mich auf die Leute, die Möglichkeit des Austauschs und der Reflexion, sowie eine schöne Woche in der Provinz Kampot. Also ab nach Phnom Penh und am nächsten Morgen mit den Freiwilligen, Lim und einer Seminarleiterin aus Deutschland in Richtung Süden, wo wir in eine atemberaubende Unterkunft einchecken. Sie liegt direkt am Fluss mit toller Bademöglichkeit, serviert fantastisches Essen und bietet alles, was man braucht. Wir – insgesamt 14 Freiwillige aus 4 Organisationen (Brot, VIA – die wir ja schon kennen, eine von der Jesuitenmission und 2 von den Sternsingern) – haben dort ein 5 tägiges Seminar mit einem Programm, das Reflexion, den Umgang mit Problemen, vielem mehr, aber auch eine Kanufahrt und vor allem etwas Freizeit beinhaltet. Darüber bin ich nämlich besonders froh, da wir somit eine tolle gemeinsame Zeit verbringen können und auch Raum für persönlichen Austausch ist. Ein paar von uns besuchen eine Höhle, wir gehen jeden Tag baden und haben eine so schöne Woche, dass ich gar nicht mehr so recht weg will, als sie plötzlich vorbei ist.

Es geht also wieder auf die Provinz, aber diesmal ohne Datum im Kopf, an dem ich sicher wieder zurückkomme – wie zuvor Weihnachten oder eben das Seminar.
Dafür wiederum mit umso mehr Elan, mit neuer Motivation, mit hilfreichen Ratschlägen im Kopf und dem bestärkten wohligen Gefühl, tolle Freunde in den anderen Freiwilligen gefunden zu haben. Ich weiß, dass auf mich neue und alte Herausforderungen warten, aber bin umso gewillter, sie zu bewerkstelligen und das beste aus dieser Erfahrung zu holen, was möglich ist. Mehr und mehr rückt all das Schöne und Spannende ins Licht der kambodschanischen Sonne, die nun von Tag zu Tag etwas länger scheint.

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