Aus der NGO aufs Land

Wir Freiwilligen sind also hier, um zu lernen. Mit diesem Jahr ist es möglich, unseren Horizont zu erweitern und einen tiefen Einblick zu bekommen. Aber in was eigentlich? Letztendlich arbeiten wir in NGOs (Nicht-Regierungsorganisation), die sich für Menschenrechte, Umweltschutz oder Armutsbekämpfung einsetzen. Die meisten von uns leben in der Stadt und arbeiten im Büro, machen vielleicht mal Ausflüge auf die Provinz, aber bekommen eben vor allem die Arbeitsweise einer solchen Organisation, sowie die Umsetzung deren Projekte mit. In den letzten Monaten, in denen ich auf der Provinz war, bekam ich allerdings einen ganz anderen Einblick.

Kontext: Einsatzstelle
Ich werde eingesetzt bei dem Ökotourismusprojekt „Chrok La-Eang“, das recht abseits in der Provinz Pursat liegt und unter Locals schon jetzt sehr beliebt ist. Mlup Baitong hat es nicht begründet, sondern hilft, es weiterzuentwickeln, um dort gleichzeitig der Waldrodung und der Armut entgegenzuwirken (es „ökologisch“ zu machen). Meine Aufgabe besteht im Englischunterricht, damit in Zukunft – ganz nach dem Vorbild Chamboks – auch ausländische Touristen herkommen und vielleicht etwas mehr Geld da lassen. Allerdings lebe ich in einem 25 Kilometer entfernten Dorf namens „K’balta Hi-eng“. Und hier gibt es kein Tourismus, dafür aber umso mehr Waldrodung. Hier soll ich zusätzlich die Kinder unterrichten.

Wie schon erwähnt, fühlte ich mich anfangs sehr ins kalte Wasser geworfen. Das machte sich gerade beim unterrichten bemerkbar, als ich vor diesem sehr heterogenen Haufen an Kindern und Jugendlichen stand, die der Faszination des ausländischen Englischlehrers verfallen waren. Phearin, mein Kollege, der mich hier hergebracht hat, war bald wieder weg, sodass ich schnell bemerkte, ich muss selbst aktiv werden, wenn ich etwas verändern wollte. Ich hatte einige Ideen im Kopf, um das Ganze effektiver zu gestalten. Dazu gehörte die Einteilung in Alters- bzw. Wissensgruppen der Kinder, die Verlegung des Unterrichts von unter meinem Haus in die Räume der Schule (Sitzmöglichkeiten, Beleuchtung etc.) und letztendlich sogar das Unterrichten der Lehrer selbst, was mir vor allem nachhaltiger vorkam.

Ich kommunizierte diese Ansätze mit Mlup Baitong und Phearin half mir auch beim Umsetzten, letztendlich war ich aber in vielen Bereichen eher auf mich gestellt. So wandte mich vor allem an den Sohn des Gastvaters (den Englischlehrer) und den Direktor der Schule, mit denen die Kommunikation jedoch sehr schwierig war. Mittlerweile sieht mein Arbeitsplan wie folgt aus:

Montag bis Donnerstag und Samstags: Morgens eine Stunde Englischunterricht mit den Lehrer der Grundschule in meinem Dorf.
Freitags: In der offiziellen Schulzeit morgens 3 Stunden Englischunterricht der Klassen 4-6.
Montag bis Samstag: Nachmittags eine Stunde Englischunterricht im Projekt „Chrok La-Eang“.
Montag bis Samstag: Abends eine Stunde mit Kindern aus dem Dorf (freiwillig), die in Alters- bzw. Wissensgruppen unterteilt sind (In einem zur Verfügung gestellten Klassenraum).

Und trotz dieser Einteilung hatte ich durchaus Probleme. Auf der einen Seite standen innere Konflikte. Gefühle der Inkompetenz, Selbstzweifel und manchmal die Frage, ob das Ganze überhaupt etwas bringt.
Aber auf der anderen Seite waren vor allem die realen Gegebenheiten: Das Problem mit der Sprache genrell – ich soll Kindern eine komplett fremde Sprache von 0 beibringen, ohne wirklich Khmer zu können. Dann grundlegenden Fragen bezüglich des Unterrichts wie: Was genau bringe ich denn überhaupt bei? Wie schaffe ich ein gutes Verhältnis aus Spaß und Input, damit alle am Ball bleiben? Oder der Fakt, dass manchmal Schüler*innen kommen und an anderen Tagen wiederum nicht, sodass es schwierig ist, einen Lehrplan abzuarbeiten bzw. sich auf Stunden vorzubereiten. Oder dass die Kinder mit der Zeit doch frecher werden und die Faszination, sowie die Motivation langsam abklingen.
Und als Krönung kann man dann die kleine, aber bunte Mischung aus erwachsenen Analphabetinnen, Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren und ein paar jungen Damen, die sogar schon einige Kenntnisse haben, nennen, der ich in Chrok La-Eang begegne. Insgesamt 11 verschiedene Gruppen habe ich zu unterrichten.
Und zu guter letzt sind da noch Zweifel im Bezug auf die ganze Aktion an sich: Was ist, wenn es keinen nächsten Freiwilligen hier gibt? Ist dann alles umsonst gewesen? Bringt es überhaupt etwas, die Lehrer zu unterrichten? Werden sie ihr Wissen weitergeben? In wie fern wirkt das denn der Rodung entgegen, die meine NGO hier zu verhindern versucht? (Natürlich weiß ich, dass Bildung an sich schon Perspektiven und Unabhängigkeit schafft, was ich auch überhaupt nicht übersehe, aber manchmal habe trotzdem etwas Skepsis und einige Zweifel.)

Zu irgendetwas machte ich mir also immer einen Kopf, sodass mich auch die 3 Stunden jeden Tag ziemlich ermüdeten. Bald schaffte ich es jedoch, vor allem etwas gelassener an die Sache heranzugehen, sodass es letztendlich gar nicht so schlimm war, wie es vielleicht jetzt klingt. Gerade auch Erfolge und Fortschritte zu sehen, motivierte ungemein.
Besonders viel Kontakt zu Mlup Baitong hatte ich in dieser Zeit nicht, glaubte aber auch nicht, dass sie mir groß weiterhelfen könnten. Ab und an traf ich Phearin oder einen seiner Assisstenten, als sie das Projekt besuchten. Ich wollte Phearin in den meisten Fällen jedoch nicht noch mehr belasten und regelte, wie schon erwähnt, das meiste selbst.

Kontext: Phearin
Phearin ist nicht mein Mentor, aber derjenige, mit dem ich mit Abstand noch am meisten zu tun hatte/habe. Er ist als Projektkoordinator für 3 Provinzen mit insgesamt über 20 Projekten (!) verantwortlich. Woher der komplett überarbeitet wirkende Mann manchmal seine Energie nimmt, ist mir ein Rätsel. Er ist stets energisch und total freundlich wenn wir uns sehen, was jedoch nicht so oft passiert. Denn er ist ständig unglaublich beschäftigt, was auch zu Kommunikationsproblemen führt, da er somit nicht immer voll bei der Sache sein kann. Zudem kommt, dass sein Englisch sehr einfach ist. Mittlerweile mischen wir bei Unterhaltungen die Sprachen, das ist dann einfacher.

Schnell bemerkte ich jedoch die riesige Chance, die sich mir hier bot: Anstatt also gezielt das Arbeiten und Schaffen einer NGO mitzubekommen, bekam ich die Möglichkeit, so viel mehr zu entdecken. Neben dem Leben in ruraler Gegend und den Locals, die ich hier kennenlernte, erlangte ich einen Einblick in eine öffentliche Schule – eine staatlichen Einrichtung – der einem als Freiwilliger einer NGO sonst eigentlich verwehrt bleibt. Und je länger ich hier lebte, desto intensiver wurde diese Erfahrung.

Es bleibt nicht aus, dass sich trotzdem so viele Fragen ergaben. Fragen, die mir aufgrund der Sprachbarriere und kultureller Gegebenheiten hier nur ansatzweise beantwortet werden konnten. Ich konnte also nur beobachten und musste aufpassen, keinesfalls falsche Schlüsse zu ziehen. In solchen Fällen wünschte ich mir dann doch manchmal eine Begleitperson von Mlup Baitong herbei, mit der ich mich richtig verständigen hätte können. Das ganze führte dann auch dazu, dass ich also monatelang in einem Projekt arbeite, jedoch letztendlich nicht so wirklich viel darüber wusste.

Doch eines Tages überraschte mich Phearin. Er kam in mein Dorf, um ein Workshop zu geben – das erste mal, dass ich meine NGO hier wirklich aktiv wirken sah. Außerdem lud er mich ein, mit ihm nach Kampong Chhnang (eine Provinz) zu fahren, um ein anderes Projekt kennenzulernen. Diese Woche mit ihm war zwar ein planmäßiges Chaos, aber gab mir endlich die Möglichkeit, etwas herauszukommen. Fragen wurden, so weit es die Sprache zuließ, gestellt und beantwortet, ich bekam einen besseren Überblick über seine Arbeit und die Projekte Mlup Baitongs und merkte, wie viel Spaß mir diese Abwechslung brachte.

Rückblickend bin ich unfassbar froh, einen solch anderen Einblick zu bekommen, als er für Freiwillige hier üblich ist – den in das Leben der Leute, eine öffentliche Schule etc. Ich muss zugeben, dass ich diese Erfahrung um einiges mehr genieße, als das Unterrichten an sich. Ich werde mir bewusst, wie mir dieses Dorf inzwischen irgendwie näher ist, als meine NGO und dass ich mich hier richtig wohl fühle. Ich merke aber auch, wie ich trotzdem weitere solcher Einblicke – wie den Trip nach Kampong Chhnang – haben möchte, wie es mich reizt weitere Fragen beantwortet zu bekommen und auch andere Menschen und Projekte kennenzulernen. Ich glaube, ich werde mit Phearin in Zukunft noch einiges mehr erleben.

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