Romantische Bekanntschaften

Eines Tages war sie einfach da. Ich kam nach einem Ausflug nach einigen Tagen wieder in mein Häuschen und da war sie einfach. Nicht, dass ich sie nicht kannte, ich hatte sie mit ihren Freundinnen und dem überheblichen, eingebildeten Großmaul schon des Öfteren bemerkt. Aber als ich meine Sachen abladen wollte, saß sie mir plötzlich gegenüber, schaute mich kritisch an und schien etwas zu verbergen. Ihre weit auseinander stehenden Augen, sowie ihr etwas dümmliche Blick wirkten zwar nicht unbedingt anmutend, aber irgendetwas an ihrem Aussehen machte sie so faszinierend und interessant, dass ich ihr gar nicht böse war, als sie mich empört anmaulte.
Seit diesem Moment wusste ich, dass uns etwas verbindet. Dass es letztendlich vor allem der Anspruch auf das Häuschen war, merkte ich erst später.

Die nächsten Tage teilten wir uns also das Dach überm Kopf. Es war vielleicht keine romantische Beziehung im konventionellen Sinne – wir sagten uns ja nicht einmal, wo wir hin gingen, wenn wir das Haus verließen – aber wir schafften es eben, uns nonverbal sehr gut zu verstehen. So lebten wir einfach glücklich zusammen.
Allerdings hatten wir natürlich auch unsere kleine Streitigkeiten. Des Öfteren warf sie einfach Dinge von dieser Ablage, auf die meine Gastfamilie bestimmte Gegenstände eines (glaube ich) typisch kambodschanischen Geisterkults gelegt hatten. Ich fand das nicht in Ordnung, da ich den Glauben der Menschen hier respektiere und als ich es Sybille hinterhergeräumt hatte, fauchte sie mich sogar noch dafür an. Ihr gefiel es generell nicht, wenn ich manchmal durchs Zimmer lief oder ihr zu nahe kam, wenn sie gerade nicht gestört werden wollte. Ich selbst wurde somit etwas misstrauisch und mich beschlich zunehmend das Gefühl, dass sie irgendetwas ausbrütete.

Der große Streit offenbarte was. Es war morgens und ich machte gerade meinen Sport, als sie einfach nicht damit aufhörte, mich vollzumotzen. Einige Minuten versuchte ich es zu ignorieren, aber irgendwann wurde es mir zu bunt. Ich schmiss sie aus dem Haus. Dazu muss gesagt sein, dass ich das vorher schon des Öfteren getan hatte, wir uns aber recht schnell wieder versöhnten und sie zurück kam. Nur diesmal war es anders. Sie blieb weg und mir wurde auf einmal klar:

Sybille brütete Eier!

Für eine ganze Zeit war ich sehr bedrückt. Sie ließ sich nicht mal mehr mit ihren Freundinnen blicken und ich befürchtete schon, sie sei in einer Suppe gelandet. Abhilfe schaffte darauf hin ihre gute Freundin Ethana, die eines Tages à la Mission Impossible das Haus infiltrierte. Nach vielem Herumsuchen, was mir und meinen Klamotten, die es teilweise erwische, zu viel wurde, machte ich ihr einen kleinen Platz in der Ecke des Balkons hinter einem Karton. Damit gab sich die Geheimagentin zufrieden und legte fortan dort ihre Eier ab.

Ich war mir nicht immer ganz sicher, wie ich denn mit dieser ganzen Sache umgehen soll. Ich befürchtete, dass meine Gastfamilie drastischer vorgehen würde als ich, was sich als falsch erwies. Die wussten bereits, dass ich Mitbewohner hatte – vermieteten also unabhängig an verschiedene Parteien.
Was die Eier anging, war es eigentlich Ziel, sie ausbrüten zu lassen (sah man darin potentielle Mieter für die Zukunft?).

Seitdem ist noch einiges passiert. Sybille kam wieder zurück, aber es war nie so wie vorher. Sie hat mir wohl immer noch nicht ganz verziehen, verwüstete noch einige Male diese Ablage und machte sogar eine solche Sauerei, dass selbst meine Gastmutter sie aus dem Haus warf. Ihr wurde extra ein Korb zum brüten gebracht, den sie ungeniert umwarf und alle Eier kaputt machte. Ein Fest für die Ameisen und eine weiterer Rückschlag für die glücklose Sybille.

Ethana hat währenddessen ausgebrütet und ist nun stolze Mutter eingier Kücken. Nun sitzt auch noch eine weitere Freundin auf dem Balkon und ihren Eiern, sodass auch Sybille noch einen weiteren Anlauf nimmt. Zwar hat mir die Gastmutter gesagt, ich solle sie vertreiben, wenn sie wieder kommt, aber ich kann’s einfach nicht übers Herz bringen. Und so sitzt sie wieder auf der Ablage und sorgt gelegentlich für Geduldsübungen.

Denn das zugehörige Großmaul Erwin kommt oft vorbei und will anscheinend nicht nur der nicht vorhanden Konkurrenz zeigen, wer der größere Macker ist, sondern auch immer ganz genau wissen, wo sich seine Sybille befindet. Das kann einen um 4:00 Uhr nachts schon manchmal etwas irritieren.

Um sich eine gute Vorstellung von den Gesprächen des Erwins und der Sybille machen zu können, hier meine Übersetzung (auch wenn mein Khmer noch nicht perfekt ist):

Erwin: ICH BIN HIER SYBILLE, WO BIST DU?

Sybille: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Erwin: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Sybille: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Erwin: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Sybille: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Erwin: ICH BIN HIER, WO BIST DU?

Etc..

Und da sich die beiden nicht sehen können, da sie im Haus, er darunter ist, sich aber keiner der beiden vom Fleck bewegt, haben solche Konversationen kein Ende. Außer ein aufgebrachter Mitmieter hat genug von diesem ohrenbetäubenden Krach und zeigt Sybille freundlicherweise den Weg zu ihrem Gesprächspartner.

Eine weitere Konversation des eloquenten Erwins, die er vorzugsweise in der Nacht oder am frühen Morgen hält, wenn noch niemand wirklich aufstehen will:

Erwin: DAS IST MEIN REVIER, KOMM BLOß NICHT ZU NAHE

Andere Stimme, ca. 200 Metern entfernt: OK UND DAS HIER IST MEIN REVIER, KOMM BLOß NICHT HIER HER

Erwin: OKAY, MACHE ICH NICHT. ABER DAS HIER IST MEIN REVIER, VERSTANDEN?

Andere Stimme, ca. 200 Metern entfernt: JA ABER DAS HIER IST MEIN REVIER, KOMM BLOß NICHT HIER HER.

Erwin: OKAY, MACHE ICH NICHT. ABER DAS HIER IST MEIN REVIER, VERSTANDEN?

Andere Stimme, ca. 200 Metern entfernt: JA ABER DAS HIER IST MEIN REVIER, KOMM BLOß NICHT HIER HER.

Etc.

Doch irgendwie haben wir alle gelernt, miteinander auszukommen. Ich trauere der jugendlich romantischen Zeit fast etwas nach, aber Dinge sind nun einmal wie sie sind. Ich freue mich über neuen Zuwachs und wünsche den stolzen Müttern ein Leben, dass hoffentlich nicht (leider muss ich hier „so schnell“ hinzufügen) im Kochtopf endet.

 

 

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