Ein Gast und eine Familie

12. Februar (bis 28. März)

Trotzdem ich bei meiner Ankunft herzlich empfangen und sehr gut bekocht werde, brauche ich wieder einige Tage, um mich einzuleben. Mir fällt auf, dass ich selten gastfreundlichere Menschen erlebt habe. Doch genau dieser Ausdruck sagt somit auch etwas entscheidendes über unser Verhältnis aus: Ich bin ein Gast – und so ganz zufrieden damit nicht.

Langsam macht sich jetzt auch eine Veränderung des Wetters bemerkbar: Es ist zwar noch mit einer der kälteren Monate im Jahr, aber ich merke in den ersten Wochen schon, wie der fehlende Regen die Landschaft verändert und es immer wärmer wird. Aus grünen Reisfeldern werden ausgetrocknete oder gar verbrannte Acker und immer öfter fühle ich mich von der Hitze geschafft. Und ständig das Wissen, dass das in der nächsten Zeit nur noch intensiver wird.

 

 

Nach einer guten Woche kommt Pherin vorbei. Überraschenderweise hält er einigen Bewohnern des Dorfes einen für sie mehr oder weniger interessanten bzw. verständlichen Vortrag über die Klimaerwärmung. Aber dies zeigt mir, wie meine NGO Mlup Baitong auch hier aktiv ist. Anschließend weiht er mich in den Plan ein, mich nächste Woche in eine andere Provinz mitzunehmen, um einem Workshop beizuwohnen und ein anderes Projekt kennenzulernen. Bevor ich meine Freude über das Ganze so richtig begreifen kann, ist der Dauerbeschäftigte auch schon wieder davon gefahren. Wann es jetzt genau wie und wo überhaupt hingeht, weiß ich nicht so wirklich. Und das beschreibt auch ziemlich akkurat, wie diese nächste Woche verläuft.

 

Das planmäßige Chaos beginnt für mich in der Provinzhauptstadt und von da aus startet das große Hin-und Her. Es geht nach Kampong Chhnang, die östlich an Pursat angrenzende Provinz, von der aus wir durch Planänderungen am nächsten Morgen wieder zurück zu Chrok La-Eang (dem Projekt in Pursat, in dem ich auch unterrichte) fahren. Dann zu Verwandten eines Kollegen, wieder nach Pursat, früh morgens zurück nach Kampong Chhnang…
Schnell habe ich den Dreh raus und weiß, dass es absolut keine Möglichkeit gibt, einen einigermaßen zutreffenden Plan für die nächsten Momente zu ergründen, weshalb ich  mich, das Fragen schon abgewöhnt, damit abfinde und mein Schicksal in Pherins Hände lege. Ob da, neben den 3 Handys noch Platz ist, weiß ich allerdings nicht…
Wenn wir gerade mal nicht auf der Straße sind, wohne ich Workshops Mlup Baitongs bei, die auf nicht ganz freiwilliger Basis mit der Regierung zusammen gehalten werden, sehe mich oft in männerdominierten Bierrunden als etwas komischer „Barang“ (Franzose bzw. Weißer Ausländer), lerne ein schönes kleines Dorf auf der anderen Seite der Berge kennen, welche ich sonst jeden Tag bestaunen darf und komme dann doch in eine eher unangenehme Situation: Unabgesprochen werde ich zum täglichen Englischunterricht gefahren, wo ein Lehrer eine Menge motivierter Schüler unterrichtet. Jedoch – auch durch Fehlkommunikation eines Kollegen, welche eine*n Freiwillige*n für ein ganzes Jahr versprach – kann ich die Erwartungshaltung gegenüber mir sofort spüren. Während ich noch überlege, wie ich eigentlich genau in Pursat unterrichten soll, heißt es, ich solle doch hier her kommen. Ich fühle mich unwohl und weiß nicht, in wie fern das wirklich umzusetzten sei, obwohl ich mich durch die motivierten Schüler sogar mit dem Gedanken anfreunde.
Abgesehen von der chaotischen Planung, der Misskommunikation und der Hitze, ist dieser Trip allerdings ein voller Erfolg. Bevor es jedoch wieder zu meiner Gastfamilie geht, sehe ich mir das Provinzauswahltunier vom Schulsport in Pursat an, bei dem auch die kleine Grundschule meines Dorfes Volleyball spielt.

 

 

Nach dieser aufregenden Woche komme ich wieder ins Dorf zurück und weiß nicht so recht, wie ich mich fühlen soll. Ich bin nicht unglücklich, auch wenn ich keine besondere Lust aufs Unterrichten verspüre. Aber wie ein ersehntes Nach-hause-kommen fühlt es sich auch nicht so wirklich an. Ich werde nett empfangen und bin emotional etwas verwirrt. Gerade auch jetzt wird mir noch einmal bewusst, dass die Hälfte meines Jahres schon herum ist. Ein schwer einzuordnendes Gefühl.

Im März fahre ich mit ein paar anderen Freiwilligen für einen traumhaften Kurzurlaub auf eine Insel im Mekong in der Provinz Kampong Cham. Zuvor treffe ich Elisabeth – meine Vor-Vor-Freiwillige bei Mlup Baitong –, die es, wie so viele, für einen Besuch wieder in dieses Land verschlägt. Der Kontakt mit ihr war sehr anregend, schaffte einige Selbstzweifel und Sorgen beiseite und gab mir neuen Input.

 

 

Außer diesem Ausflug, bin ich Ende Februar und den gesamten März auf der Provinz. Doch langweilig ist mir keinesfalls; mein Alltag wird von einigen kleinen „Events“ bereichert. Neben dem Finale des Volleyballtuniers wird in Bamnak (dem nächsten etwas größeren Dorf) plötzlich eine Bühne, Hüpfburgen und weitere Stände aufgebaut, die an einen kleinen Jahrmarkt erinnert. Einige Tage lang gibt es abends kleine Konzerte und Aufführungen, das Ganze ist sonst jedoch auf vielen Ebenen wenig vergleichbar mit irgendwas, das ich aus Deutschland kenne. Allerdings ist das wohl das Kulturangebot, das die Leute hier zu bieten bekommen.
Immer mal wieder gibt es Zeremonien oder sonstige Feierlichkeiten, denen ich beiwohnen darf. Und nebenbei nimmt mich mein Gastbruder Sühen (bzw. engl. Soeurn) auf Hochzeiten mit, über dessen Quantität er sich beklagt. Hierbei komme ich mit ihm auch in tiefere Gespräche, die mir wirklich Spaß machen, insofern wir uns sprachlich verstehen.
Gesundheitsbedingt kommt auch meine Gastschwester Mom (es sind insgesamt 5 Kinder) in dieser Zeit aus Phnom Penh, wo sie sonst in einer Fabrik arbeitet. Somit habe ich neben meiner Gastmutter und der großen Schwester Mähn, eine weitere beeindruckende Gesprächspartnerin.

Und auch die Hauseinweihungs-Zeremonie der netten Nachbarn Ende März genieße ich in vollen Zügen. Wir, als direkt nebenan Wohnende, helfen beim Kochen und Servieren des Essens (um das es bei solchen Zeremonien hauptsächlich geht). Da das halbe Dorf vorbeikommt, kellnere ich was das Zeug hält und merke etwas Wundervolles: Ich bin für die meisten nicht mehr der komische „Barang“, der Fremde, der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern ich bin eben nur noch der komische „teacher“, den man jeden Tag mit einem freundlichen Lächeln grüßt, der nun einmal hier wohnt und den die Allermeisten in gewisser Weise ins Herz geschlossen haben.

Dieser vermehrte Kontakt, sowie meine sich verbessernden Sprachkenntnisse fördern sich gegenseitig und machen die Gespräche innerhalb der Familie tiefgehender, die Nachmittage interessanter und unser Verhältnis emotionaler. Der verstärkte kulturelle und persönliche Austausch erschafft einen täglich stärker werdenden Strang aus Sympathie, Dankbarkeit und Freundschaft der mich and diese Familie bindet und mir Einblicke in ihr Leben gibt, die ich mir nie hätte vorstellen können.
Endlich kann ich auch anfangen, mich weniger bedienen zu lassen, helfe beim Abwasch und Kochen, gehe Einkaufen und packe an, wo es nötig scheint – Dinge, die sie mich anfangs als Gast nie hätten machen lassen.

Ich bin also nicht einfach nur Teil dieser Gemeinschaft dieses Dorfes geworden, sondern kann inzwischen auch den Gast-Präfix weglassen, wenn ich von meiner Familie hier spreche. In diesen paar Wochen sind wir uns unbeschreiblich viel näher gekommen. Unbeschreiblich. Ich kann nämlich nicht in Worte fassen, was ich fühle, wenn sie mir sagen, dass ich wie ein Familienmitglied geliebt werde, sie bei meinem Abschied fürchterlich weinen und mich sehr stark vermisst werden.

 

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