Ein neues Heim: Kbal Teahean

Ach, ein Jahr! Das passt schon, Rucksack packen und mal sehen, wo ich so unter kommen werde.
Doch im Vergleich zum typischen Backpacker merke ich hier doch relativ schnell, dass ich hier wirklich wohnen, leben und einen Alltag bestreiten werde, was über Kurz oder Lang auch einen Wohlfühl-und Rückzugsort, ja ein Zuhause fordert.
In wie fern diese Orte in Kambodscha für mich emotional als „Zuhause“ gelten, liest sich aus meinen anderen Einträgen. Doch hier möchte ich einmal einen Einblick geben, wie und wo ich denn nun eigentlich die ganze Zeit lebe/gelebt habe.

Mit einem Text den Einblick in das Leben auf dem Land in Kambodscha zu geben, ist nicht einfach. Abgesehen davon, dass man so etwas kaum in Worte fassen und ich sicherlich viel zu wenig wirklich herüberbringen kann, gibt es das Problem der Perspektive. Mit der Sicht aus Deutschland liest sich das Ganze natürlich noch einmal komplett anders und möglicherweise nicht, wie vorgesehen. Besonders folgende Gefahr einer postkolonialen Lesart möchte ich verhindern: Wenn man über Lebensumstände im Globalem Süden berichtet, passiert es oft – bewusst oder unbewusst –, dass sich aufs Extreme, auf „krasse“ Umstände konzentriert wird (welche durchaus vom globalen Norden, also auch mir, verursacht oder begünstigt wurden/werden). Somit stellt sich der Berichtende – in dem Falle ich – als „(aufopferungsvolle) Abenteuer_in oder Held_in“ dar, der sich diesen Gegebenheiten in den Weg stellt. Das möchte ich so gut es geht verhindern, aber bin immer noch nur ein (Mensch) privilegierter, reicher Europäer, der immer auch eine gewisse Sichtweise besitzt. Egal wie sehr ich versuche, sie abzulegen. Deshalb appelliere ich hier an die geistreichen Leser*innen, die meine Schilderung mit kritischem Blick und dem eben Beschriebenen aufnehmen und vielleicht sogar in Zukunft selbst hinterfragen, wie der Globale Süden auch in anderen Medien oder Erzählungen dargestellt wird.


Vom Dezember an, verbringe ich die meiste Zeit meines Jahres in der Provinz Pursat, die südlich vom großen See Tonle Sap und ca. 6 Autostunden nordöstlich von Phnom Penh liegt. Doch von der Provinzhauptstadt sind es nochmal 90 Minuten Fahrt auf nicht asphaltierten Straßen, bis nach Bamnak, dem größten Dorf in dieser Umgebung. Allerdings fahren jeden Tag 1 bis 2 Vans, die ich standardmäßig benutze, von dort aus auch direkt nach Phnom Penh und wieder zurück, was nur ca. 5 Stunden dauert.
Es ist schwer zu sagen, wie viele Einwohner Bamnak wirklich umfasst, aber es ist schon ein kleines Zentrum auf dem Land, da es vor allem einen Markt und andere Dinge bietet, die in den kleineren Dörfern nicht zu bekommen sind.

Von hier aus gelangt man nach sieben Kilometer wunderschöner Fahrt zu einem ca. einem Kilometer langen Abschnitt, an dem links und rechts der Straße Häuser stehen. Ja, hier sollte aufgepasst werden, dass man nicht mit einem Blinzeln Kbal Teahean verpasst, aber mein neues, etwas verstreutes Heimatdorf hat mit ca. 600 Häusern mehr Einwohner, als man auf den ersten Blick schätzen würde.
Einige so typische „Alles-mögliche-Läden“, sogar ein paar kleine Küchen und auch Stände mit etwas Gemüse oder Obst (die zuvor in Bamnak gekauft und somit an Preis und Vielfalt eingebüßt haben) zeichnen den Verlauf der Straße.

Und hier stehen auch die Häuser meiner Gastfamilie. Zwei typisch hölzerne Stelzenhäuser – eins direkt an der Straße, das andere dahinter –, inzwischen ein weiteres Nicht-Stelzenhaus, das auch als Garage dient – und hinterm ca. 200 Meter langen Garten das in sich ruhende Gebäude, das ich für diese Zeit mein Heim nennen darf.
Meine (Gast-)Familie (zumindest der Teil, der hier dauerhaft lebt) besteht aus meiner (Gast-)Mutter, meinem (Gast-)Vater und meinem (Gast-)Bruder Sühen, die zusammen mit Puh, dem Sohn der (Gast-)Schwester Mom, die in Phnom Penh lebt, im ersten Stelzenhaus leben. Dazu kommt meine (Gast-)Schwester Mähn mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern, die das zweite Haus bewohnen. Ansonsten wird jedoch alles geteilt – von der Spüle zwischen den Häusern zum Wasser in den großen Krügen bis hin zur Toilette im Garten.

Das Haus in dem ich wohne, gehört ursprünglich Mom, deren Pläne sich jedoch auf tragische Weise änderten, weshlab es sonst nur als Aufbewahrungsort für den Reis der Familie diente und sogar verkauft wird, wenn ich wieder ausziehe. Umso schöner, das es mich als neuen Bewohner willkommen hieß! In ihm liegt außer den Reissäcken eine große, dicke Matratze mit Mückennetz und natürlich mein ganzes Zeug. Die Bauweise aus Holzbrettern sorgt für einige Sonderheiten, mit denen ich in Deutschland nie konfrontiert war. Ein riesiger Vorteil des Ganzen ist die luftige Atmosphäre, die die Hitze etwas erträglicher macht. Dafür ist es, vor allem der Situation auf dem Land geschuldet, immer recht bestaubt, wirkt aus einem „deutschen Standpunkt“ gar dreckig, den man jedoch bald „verlernt“ und sich schnell wohl fühlt.
Leider hält es bei Regen nicht immer trocken. So muss ich hoffen, dass die Windrichtung stimmt, da ich sonst auf einer etwas feuchten Matratze schlafen muss. Und auch für Tiere ist dieses Haus recht einfach zugänglich. So teile ich es nicht nur zeitweise mit Sybille, sondern auch mit (lauten!) Geckos, nistenden Vögeln, sowie natürlich einigen Insekten.

Das „Badezimmer“ ist aufgeteilt in ein Toilettenhäuschen im Garten (150 Meter entfernt, klassische Hocktoilette mit einem Eimer Wasser daneben) und einem dieser großen Wasserkrüge vor meinem Haus, der als Dusche und fürs Zähneputzen her hält. Und nur wer einmal unter einem nicht lichtverschmutzten, sternenklarem Himmel eine Dusche genommen hat – wie ich es jeden Tag tue – der weiß, was die anderen verpassen!
Hier wasche ich übrigens auch meine Kleidung, wenn ich sie nicht in die Reinigung in Bamnak bringe (Ausreden dafür sind wahlweise: es ist zu heiß – einer meiner Lieblinge, das Waschmittel hier ist ziemlich aggressiv – der Klassiker, ich schrubbe teilweise die Sachen kaputt – passiert wirklich, oder ich will sie einfach mal gebügelt und gut riechend haben – quasi gönne ich mir damit auch mal was).

Sonst ist mein Haus eben mein Schlaf-, Sport- und Rückzugsgebiet, wenn ich für mich sein will. Denn der Rest spielt sich eigentlich bei den Häusern der Familie ab. Unter den Stelzenhäusern gibt es immer diese „tischding“ Mischung aus Tisch, Bett und Sitzmöglichkeit, sowie die Küchen:
Ein Schrank mit Geschirr und Besteck, eine Arbeitsplatte (wobei das meiste auf den tischding gemacht wird) und die Feuerschalen, auf denen – wenn kein Essen – eigentlich immer irgendwas steht. Sei es ein Topf Reis oder das Wasser zum Trinken, das abgekocht und mit rotem Holz rot gefärbt wird. Alles Wasser kommt nämlich aus dem Brunnen, sodass sie es, wenigstens für mich, erhitzt wird. Ein Kühlschrank oder sonstige gute Möglichkeit Essen aufzubewahren und es vor den Ameisen zu schützen gibt es nicht, was einige Unannehmlichkeiten für die Menschen schafft.
Auf den tischdingern esse ich meine Mahlzeiten, Mangos mit der Familie oder halte mich dort einfach so auf, da ich mich mit diesen Menschen stets wohl fühle. Generell verbringe ich so viel Zeit draußen, wie lange nicht mehr. Wobei ich das „draußen“ hier nun einmal als fast omnipräsenten Zustand sehe, da ich mich beispielsweise unter einem Stelzenhaus nicht wie „drinnen“ fühle.

Ansonsten habe ich im Haus Strom und einen, in der Trockenzeit mir heiligen Ventilator. Netz und Internet gibt es hier allerdings nur mit einem anderen Anbieter als den ich benutze. Jedoch glaube ich, dass das gar nicht unbedingt so schlecht ist – außer fürs Khmer lernen – mal für länger offline zu sein. Ich fühle mich in den Monaten hier sehr wohl. Jedoch muss ich zugeben, dass ich es hier für einen längeren Zeitraum – mehrere Jahre – wohl schwierig finden würde. Das reicht vom Wunsch nach einem Schreibtisch und Stuhl über das  Klima und hin zur beschränkten Auswahl an vegan/vegetarischem Essen, Bildungs-, Gesundheits- und Kultureinrichtungen oder sonstigen Freizeitmöglichkeiten. (Und sowas kann natürlich nur von einem Weißen Freiwilligen kommen, der sich jetzt erst bewusst wird, worauf der eigene Wohlstand eigentlich baut…)

Und dann ist da natürlich noch die Landschaft. Atemberaubend anmutend. Zwar hat sie in der Trockenzeit etwas an Reiz verloren, aber gerade wenn es wieder anfängt zu regnen, die Reisfelder besät werden, die Natur in den schönsten Grüntönen erblüht und die Palmen, Büffel und fernen Berge sich zu einem solch überwältigenden Anblick ergänzen, dass ich mir jedes Mal aufs Neue sage: „Das alles hier wirst du sowas von vermissen!“

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